1. Mai: Vom Arbeiterkampf zur Selbstoptimierung

Historisch gedenkt der 1. Mai an den Arbeiterkampf und die Errungenschaften für den Arbeitnehmerschutz. Während sich Arbeiter einst zusammenschlossen, um größeren Druck auszuüben, kämpfen immer mehr Leute für sich allein – und bezahlen einen Preis dafür. Von Alice Greschkow

  • Freitag, 1. Mai 2020
Der große Verkehrsstreik der Straßenbahn, Untergrundbahn und Autobusse in Berlin, 1932. 
Bundesarchiv, Bild 102-13992 / CC-BY-SA 3.0 / CC BY-SA 3.0 DE)

Der Tag der Arbeit am 1. Mai erinnert an die erkämpften Errungenschaften der Arbeiterbewegung. Arbeit war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil des Klassenkampfes und sie diente vornehmlich dem Broterwerb, seit den 1970-ern hat sich der Stellenwert von Arbeit jedoch geändert – es geht um Sinn und Selbstverwirklichung. Doch diese Entwicklung hat ihren Preis.

Früher kämpften Arbeiter um Tarifverträge – heute kämpft jeder für sich

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war für die meisten Menschen Arbeit ein Mittel, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Zu Beginn des Jahrhunderts herrschte Vollbeschäftigung und Arbeitnehmer leisteten es sich Unternehmen nach nur kurzer Zeit zu verlassen und zu anderen Firmen zu wechseln, die bessere Konditionen anboten. Auch Überstunden waren etwas, das strikt vermieden wurde – mit Dienstschluss gingen alle nach Haus und widmeten sich ihrem Privatleben. Die Historikerin Sabine Donauer illustriert in ihrem Buch „Faktor Freude“, dass die Lebensfreude nach Feierabend gesucht wurde. In Arbeiterinterviews aus der Periode ist dokumentiert, wir Arbeiter sich neben dem Beruf privat weiterbildeten oder in Laientheatern und Musikvereinen ihren Leidenschaften nachgingen.

Selbst der prägende Soziologe Max Weber attestierte den Arbeitern eine schlechte Arbeitsethik, mit der sich kein Kapitalismus machen ließe. Tatsächlich gab es Fälle von Sabotage gegen Unternehmer in der Produktion – eine Art Druckmittel. Zudem waren die Arbeiter in der ersten Hälfte des Jahrhunderts gut in Gewerkschaften organisiert. Mit Streiks und Protestaktionen führten sie den Klassenkampf, der Teil des Verständnisses von Arbeit war. Die Gräben zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern waren groß – die Stimmung war verfeindet. Betriebspsychologen versuchten daher zu ergründen, wie man Arbeitnehmer besänftigen könne, sodass sie weniger streiken und gewissenhafter arbeiten.

1900

60 Wochenarbeitsstunden

1900 wird die Wochenarbeitszeit auf 60 Stunden an sechs Tagen reduziert – vorher lag sie bei 72 Stunden

1900

1918

Einführung 8-Stunden-Tag

Die Wochenarbeitszeit wird auf 8-Stunden-Tage an Sechs-Tage-Wochen angepasst und beträgt 48 Stunden insgesamt

1918

1932

42-Stunden-Woche

Die Arbeitszeit wird auf 42 Wochenstunden reduziert.

1932

1941

Erhöhung der Arbeitsstunden

Kriegsbedingt wird die Wochenarbeitszeit auf 50 Stunden erhöht. 

1941

1956

Kürzere Woche

Übergang zur Fünf-Tage-Woche

1956

1965

40-Stunden-Woche

Flächendeckend wird Schritt für Schritt die 40-Tage-Woche eingeführt.

Quelle: Dreigliederung.de

1965

In den 1920-er Jahren begann die Psychologisierung der Arbeit – man ging davon aus, dass eine negative Haltung zur Arbeit in „emotionalen Blockaden“ liegt: Sorge um die Kinderbetreuung, körperliche Beschwerden, schlechte Ernährung. Große Unternehmen begannen daher in die Verbesserung der Arbeitsumstände zu investieren – Betriebskitas wurden eröffnet, Betriebsärzte konnten Physiotherapie oder andere Maßnahmen zur Genesung verordnen, es gab sogar Kuren für Lungenkranke. Zusätzlich boten Unternehmen vergünstigte Reisen für die Arbeiter und ihre Familien an. Gleichzeitig wurde die betriebliche Arbeitszeit gekürzt und Tarifverträge ausgehandelt – gegen den Widerstand der Unternehmen. 1955 sprach sich VW-Chef Heinrich Nordoff gegen den Übergang von der Sechs-Tage-Woche zur Fünf-Tage-Woche mit 40 Wochenarbeitsstunden aus. Doch sie kam trotzdem. Arbeitnehmer profitierten somit vor allem materiell und ihre Verweildauer in Betrieben stieg, weil in ihre Loyalität zum Unternehmen investiert wurde. Auch die Ausweitung der Berufsausbildung führte dazu, dass Arbeiter ihre Tätigkeit als wertvolles Handwerk betrachteten – sie waren damit eher motiviert, einen Beitrag zu etwas Größerem zu leisten.

1970-er: Weg von materieller Kompensation hin zu Mitarbeitermotivation

Während bis in die 1960-er hinein Gewerkschaften und der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen Teil der deutschen Arbeitswelt waren, wurde in den 1970-ern zunehmend auf Mitarbeitermotivation gesetzt. Die Idee: Geld ist nur ein „Hygienefaktor“ in der Motivation – ein solides Gehalt muss da sein, um Arbeitnehmer zu halten, aber Geld führt nicht zu mehr Produktivität und Einsatz. Der materielle Einfluss auf die Arbeitsqualität ist also begrenzt. Stattdessen wurde Arbeit zunehmend mit persönlicher Herausforderung verknüpft, um die Motivation zu erhöhen. Ziel war es, die Produktivität durch eine höhere Leistungsbereitschaft zu steigern. Daher wurden Berufe einerseits verdichtet – die Tätigkeiten wurden diverser, um ein Gefühl von Herausforderung zu schaffen. Andererseits setzt sich die Idee durch, dass Leistung lediglich eine Frage der Motivation, Einstellung und „Committment“ war.

Sabine Donauer kritisiert dabei, dass seit dieser Phase der Körper als Komponente im Arbeitnehmerschutz irrelevant wurde. Während natürliche körperlicher Belastungsgrenzen früher ein Indikator für zu viel Arbeit und Stress waren und Betriebsärzte Kuren verschrieben, sind diese körperlichen Aspekte zunehmend ein privates Problem. Arbeitnehmer müssen sich selbst um Physiotherapien kümmern oder sich den Ausgleich durch Yoga und andere sportliche Aktivitäten organisieren. Dadurch, dass immer weniger Menschen körperlich Arbeiten – in den 1960-ern war fast die Hälfte der Arbeitnehmer in Industrieberufen, heute sind es lediglich ein Viertel – hat sich der Glaube verbreitet, dass Erschöpfung gar nicht so stark sein kann und Müdigkeit ein Motivationsproblem ist.

Erst jetzt erkennen wir langsam, welchen Effekt die geistige Belastung hat und dass mentale Gesundheit mit körperlicher Gesundheit eng verknüpft ist. Stress steht in Verbindung mit erhöhtem Blutdruck, Muskelverspannungen, einer höheren Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken und ein ungesundes Gewicht zu entwickeln. Dennoch ist der Trend der Motivationstheorie in den 1950-ern bis heute siegreich. In kompetitiven Branchen arbeiten Teams 16 oder 18 Stunden pro Tag – einige Fälle von Todesfällen wegen Überarbeitung sind dokumentiert. In Japan gibt es sogar ein Wort für Tod durch Überarbeiten, da sich die Fälle dort gemehrt haben: Karōshi.  

Weniger kollektive Kämpfe

Die Überstunden sammeln sich in Deutschland an – eine europaweite Studie kam zu dem Ergebnis, dass in keinem anderen Land der Eurozone so viele unbezahlte Überstunden geleistet werden wie in Deutschland. Dennoch bleiben die Arbeitnehmer vergleichsweise ruhig. Die Gewerkschaftsorganisation nimmt ab, es gibt weniger Streiks – kein Vergleich zu dem, was noch bis vor einigen Jahrzehnten ein regelmüßiges Druckmittel war. Der Grund: viele Arbeitnehmer haben das Mantra verinnerlicht, dass die Arbeit das ist, was Selbstverwirklichung und Herausforderung im Leben bietet. Und: da Motivation etwas höchst Individuelles ist und die mentale Stärke eines jeden einzelnen gefragt ist, kämpfen Arbeitnehmer seltener für kollektive Errungenschaften – sondern versuchen selbst zu überzeugen.

Kritiker sehen den wirtschaftlichen Erfolg als Grund für die sinkende Arbeitnehmerorganisation. Der Wohlstand hat sich im 20. Jahrhundert für alle Bürger merklich erhöht – heute können sich Menschen elektronische Geräte, Pauschalreisen und ständig neue Kleidung mit durchschnittlichen Gehältern leisten. Dies war noch in den 1960-ern ein Privileg der Wohlhabenden. Dieser Faktor spielt zweifelsohne eine Rolle, aber er erklärt nicht die Bereitschaft Gesundheit zu opfern. Burnout, Herzinfarkte, Schlaganfälle und Depressionen sind oft mit belastenden Arbeitssituationen verbunden. Die Betroffenen bleiben mit ihren gesundheitlichen Problemen im Privaten allein.

Diese Tendenz ist global zu beobachten und hat in den USA zu stärkeren Einschnitten geführt, nachdem Präsident Ronald Reagan in den 1980-ern Tausende streikende Fluglotsen entließ und damit ein Signal an Unternehmen gesendet hat, dass es in Ordnung sei, Gewerkschaften nicht mehr so ernst zu nehmen. Von diesem Schlag gegen die Gewerkschaften haben sich Arbeitnehmerorganisationen nie mehr erholt.

Bereitwillige Aufopferung ist Garant für Erfolg und Erfüllung

Die Tatsache, dass Arbeitnehmer bereitwillig die Mehrbelastung hinnehmen und davon ausgehen, dass sie sich individuell um Ausgleich kümmern sollten, anstatt organisiert Regeln zu verhandeln, ist eine große Herausforderung. Es ist nämlich bewiesen, dass ständige Erreichbarkeit durch die Digitalisierung zu mehr Stress führt und Arbeitnehmer unglücklicher sind. Der Arbeitsmarkt fordert zudem zunehmend, dass Arbeitnehmer begeistert und motiviert sind. Dies kann für viele Menschen positiv sein, wenn sie sich mit ihrer Tätigkeit identifizieren und Freude aus der Schaffenskraft ziehen. Doch Laut Böckler-Stiftung spiegelt das nicht die Bedürfnisse der meisten Arbeitnehmer wider. Viele sehen Arbeit auch weiterhin als Mittel für ihren Broterwerb – doch diese pragmatische Einstellung hat keinen Platz in Unternehmen, in denen immer mehr Produktivität und Innovation kreiert werden muss.

Für Menschen, die in ihrer Arbeit aufgehen, ist es ein Segen kreativ und wirksam sein zu dürfen. Sie sollten die Freiheit dazu haben. Doch das Problem ist, dass die „High Potentials“ den Takt angeben und sich immer mehr Menschen daran orientieren müssen, mehr von ihrer Energie, Aufmerksamkeit und Kapazität für die Arbeit zu geben. Wenn diese bereitwillige Aufopferung jedoch nicht mit materiellen Fortschritten begleitet wird, ist es ungewiss, was langfristig für die Arbeitnehmer übrig bleibt – vielleicht mehr Begeisterung, vielleicht aber auch einfach nur Müdigkeit und eine schlechte Rente. 

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