Ein Recht auf Homeoffice führt nicht automatisch zu besserem Arbeiten

Arbeitsminister Hubertus Heil plant einen Gesetzesentwurf zum Recht auf Homeoffice. Allerdings garantiert ein potenzielles Recht auf mobiles Arbeiten nicht, dass das Arbeitsleben automatisch besser ist. Vielmehr könnte es der Startpunkt dafür sein, gängige Arbeitsstrukturen zu hinterfragen und neu zu organisieren. Von Alice Greschkow 

  • Dienstag, 28. April 2020
Arbeitsminister Hubertus Heil, Foto: BMAS

Arbeitsminister Hubertus Heil kündigte an, im Herbst einen Gesetzesvorschlag für das Recht auf Homeoffice vorlegen zu wollen. Dabei geht es nicht nur um die grundsätzliche Möglichkeit von zu Haus aus zu arbeiten, sondern auch von anderen Orten – Cafés, Bibliotheken, Coworking-Spaces. Die Idee ist nicht neu – die Niederlande haben bereits 2015 das Recht auf Homeoffice eingeführt. Mit einem Rechtsanspruch auf Homeoffice ist man jedoch erst am Anfang auf dem Weg zu einem besseren und produktiveren Arbeitsleben. Und: man sollte mit Vergleichen mit den Niederlanden vorsichtig sein. 

Homeoffice ist das, was man daraus macht

Grundsätzlich ist Homeoffice weder schlecht noch gut. Es gibt klare Vorteile wie das Sparen von Pendelzeiten, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Möglichkeit autonom, selbstbestimmt und in Ruhe zu arbeiten. Für manche Menschen ist es gerade die Freiheit ihren eigenen Takt zu setzen, was sie kreativer macht. Gleichzeitig gibt es auch Nachteile: Menschen können sich durch das Arbeiten im Homeoffice gestresst fühlen, da die psychologische Trennung zwischen dem Privaten und der Arbeitswelt verwischt. Zudem besteht die Gefahr, dass der vom Chef empfundene Kontrollverlust von Arbeitnehmern kompensiert wird – sie sind länger erreichbar, arbeiten im Zweifel länger und setzen sich somit mehr unter Druck. Eine AOK-Studie legt nahe, dass Menschen, die vermehr im Homeoffice arbeiten sich häufiger erschöpft, nervös und lustlos fühlen. Zudem verlagern sie häufiger Aufgaben in das Wochenende oder die eigentlichen Feierabendstunden. 

Worunter Mitarbeiter im Homeoffice laut AOK-Report am häufigsten leiden
Erschöpfung 74%
Wut und Verärgerung 70%
Nervosität und Reizbarkeit 68%
Lustlosigkeit 64%

Der Anspruch auf mobiles Arbeiten ist nämlich keine Patentlösung, wenn die organisatorischen Strukturen der Arbeitgeber nicht darauf eingestellt ist. Der Arbeitgeberverband kritisiert zum einen, dass bei einem rechtlichen Rahmen die Flexibilität der der Unternehmen untergrabe – diese würden bereits situativ darauf reagieren, wenn Homeoffice eine sinnvolle Maßnahme sei. Dass die Arbeitgeber den Vorschlag verhalten betrachten, dürfte jedoch weitere Gründe haben. Einerseits müssen damit Fragen rund um die digitale Infrastruktur und Datenschütz beantwortet werden, damit Mitarbeiter im Zweifel nicht auf unzureichend gesicherten privaten Endgeräten sensible Daten bearbeiten. Andererseits muss auch die interne Organisationsstruktur mobiles Arbeiten überhaupt erst funktional ermöglichen. Das bedeutet, dass man Hierarchien, Entscheidungsschleifen und viel Altbewährtes hinterfragt.

Flexibles Arbeiten geht oft mit einem bedeutenden Maß an Autonomie und Entscheidungsfreiheiten einher – was vielerorts noch ungern gesehen wird. Zudem müssen Teamprozesse so organisiert sein, dass sowohl selbstständige Kreativität als auch Kollaboration möglich werden. Es sind gerade die schnellen und unkomplizierten Kommunikationswege im physischen Büro, die Menschen an der Präsenz vor Ort schätzen. Sollte das Recht auf Homeoffice implementiert werden, müssen Unternehmen auch dafür sorgen, dass die Kommunikation klappt. Bei einer klassischen Arbeitsorganisation besteht die Gefahr, dass Mitarbeiter im Homeoffice lediglich punktuelle Aufgaben abarbeiten, anstatt an den großen Prozessen teilzunehmen. Dies kann im schlimmsten Fall die Chancen auf Beförderung, Gehaltserhöhung und interne Entwicklungsperspektiven verhageln. Dabei kann bei einer guten Organisation die Produktivität zu Haus gesteigert werden – vor allem im Vergleich zu lauten Großraumbüros.

Ein essenzieller Punkt, an dem der Gesetzesvorschlag von Hubertus Heil Arbeitnehmern helfen könnte, ist der Arbeitnehmerschutz. Die Tendenzen zur Mehrfachbelastung und dem erhöhten psychischen Druck wurden mittlerweile in einer Reihe von Studien dokumentiert. Gleichzeitig verteidigen viele Anhänger des mobilen Arbeitens ihre Entscheidung auch am Wochenende Mails zu checken oder sich abends in Ruhe noch einmal an den Arbeitsplatz zu schätzen, weil es besser zu ihrem Arbeitsrhythmus passe. Auf dieses Spannungsverhältnis angemessen zu antworten, wird eine zentrale Herausforderung für das Arbeitsministerium.

Deutschland ist nicht die Niederlande

Die Niederlande haben tatsächlich bereits 2015 das Recht auf Homeoffice gesetzlich verankert. Mitarbeiter müssen zwar noch immer einen formalen Antrag stellen, jedoch liegt die Beweispflicht beim Arbeitgeber – er muss einen triftigen Grund haben, weshalb bestimmte Tätigkeiten nicht von zu Haus erledigt werden können. Dazu zählen betriebliche Gründe oder Sicherheitsbedenken. Dass Security-Personal, Pfleger oder Schlosser nicht von zu Haus arbeiten dürfen, ist logisch.

Man darf allerdings nicht davon ausgehen, dass es sich in Deutschland ähnlich zu den Niederlanden verhalten wird. Die Wirtschaft ist zum einen unterschiedlich – der Industriesektor beschäftigt weniger Menschen im Nachbarland, er ist acht Prozent kleiner als In Deutschland mit Hinblick auf den Anteil der Erwerbstätigen. Der Dienstleistungssektor ist dafür größer und somit der Anteil der Menschen, die potenziell im Homeoffice arbeiten könnten. Gleichzeitig ist die Akzeptanz für flexible Arbeitsmodelle größer im Land. Fast die Hälfte der Beschäftigten arbeitet in einem Teilzeitverhältnis – damit stechen die Niederlande im europäischen Vergleich heraus. Kein anderes Land hat auch nur annähernd so viele Menschen, die in Teilzeit arbeiten. In Deutschland ist es knapp ein Viertel der Menschen. Zudem hat die Akzeptanz für räumlich flexible Arbeit eine größere Akzeptanz und setzte bereits früher ein.

Die Homeoffice-Debatte ist notwendig

Es ist begrüßenswert, dass sich die Politik dem Thema Homeoffice widmet und versucht auf die Unsicherheiten der modernen Arbeitswelt zu reagieren. Insbesondere der Punkt des Arbeitnehmerschutzes dürfte polarisieren, doch damit stößt das Arbeitsministerium eine wesentliche Debatte über die Grenzen der Flexibilität an und erfüllt ihre Aufgabe Rahmenbedingungen für sicheres Arbeiten zu schaffen. Man darf also gespannt sein, was der Inhalt des geplanten Gesetzesvorschlags beinhalten wird.

Gleichzeitig müssen sich Unternehmen auf Herausforderungen und Wandel einstellen, sollte das Recht auf Homeoffice tatsächlich kommen. Es liegt in der Hand der Arbeitgeber das Recht auf mobiles Arbeiten auf eine Weise zu gestalten, die zu den internen Arbeitsprozessen passt. Die notgedrungenen Erfahrungen aus der Corona-Krise dürfen bereits eine erste Blaupause dafür sein, was klappt und was nicht klap

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