Gewerkschaften skeptisch gegenüber zu viel Homeoffice

Der Deutsche Gewerkschaftsbund mahnt vor der “Entgrenzung der Arbeit” mit Hinblick auf Überstunden und Belastung im Homeoffice. Die Bedenken haben ihre Berechtigung – betriebliche Mitbestimmung muss neu organisiert werden. Von Alice Greschkow 

  • Dienstag, 5. Mai 2020
DGB-Vorständin Anja Piel; Foto: DGB/ Simone M. Neumann

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) befürchtet die „völlige Entgrenzung der Arbeit“ im Homeoffice. DGB-Vorständin Anja Piel erklärt, dass es auch im Homeoffice zur Arbeitszeiterfassung und Ruhezeiten kommen müsse. Bei mobilen Arbeiten bestehe das Risiko, dass man unbezahlte Überstunden ansammle und dabei nicht auf ausreichende Erholung achtet. Arbeitsminister Hubertus Heil hatte erst kürzlich einen Gesetzesvorschlag für ein Recht auf Homeoffice angekündigt.

Gemeinsamer Einsatz für Arbeitnehmerschutz wird schwieriger

Die Kritik von Anja Piel ist nachvollziehbar – durch den Verlust des Betriebs als festen Arbeitsplatz ergeben sich weniger Begegnungen zu Kollegen. Damit können Elemente der kollektiven Arbeitnehmervertretung schwer umgesetzt werden, bspw. rückt die Gründung eines Betriebsrats in den Hintergrund, wenn jeder für sich von zu Haus aus arbeitet. Zudem kann sich durch die Distanz weniger Vertrauen aufbauen. Gespräche in Mittagspausen oder während Besprechungen geben viel mehr über die Kollegen preis als ein Videogespräch. Sollten Vorgesetzte eine aggressive Anspruchshaltung an Arbeitszeiten und Verfügbarkeit entwickeln, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Arbeitnehmer zusätzliche Belastung in Kauf nehmen. Zudem wird die Flexibilität als Teil der betrieblichen Mitbestimmung von Arbeitnehmern verkauft – sie entscheiden sich aktiv für mehr Flexibilität und Freiheit, so die Annahme.

Immer mehr Burnout-Fälle

In Deutschland hat sich die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle aufgrund von Burnout zwischen 2008 und 2018 mehr als verdoppelt. Auf 1.000 AOK-Mitglieder kamen 2008 2,5 Burnout-Fälle, 2018 waren es bereits 5,7

Quelle: statista.de

Gleichzeitig droht eine schleichende Selbstausbeute seitens der Arbeitnehmer selbst. Vielleicht ist es gut gemeint – vielleicht hat man wirklich Freude am Job und mag die Autonomie an jedem beliebigen Zeitpunkt zu arbeiten. Allerdings gibt es genug Fälle, die sich bei dieser Kalkulation verschätzt haben. Burnout, Depressionen und Krankheiten, die durch Stress und Druck begünstigt werden, häufen sich. Körperliche Belastungsgrenzen können erreicht werden, selbst wenn jemand im „Drive“ arbeitet und sich inspiriert und wohlfühlt. Vor allem, wenn man durch Job Enrichment mit zusätzlichen Verantwortlichkeiten konfrontiert wird, neigen Arbeitnehmer auch dazu, diesem Anspruch gerecht zu werden – auch wenn es zu Überstunden kommt.

Die moderne Arbeitswelt braucht Antworten

Nichtsdestotrotz wird Homeoffice voraussichtlich beliebter – für Betriebe ist der Kauf eines mobilen Endgeräts langfristig billiger als die Anmietung großer Büroräumlichkeiten. Auch für bestimmte Gruppen ist Homeoffice attraktiv. Familien, die ihre Kinder pünktlich aus Kitas abholen müssen, hätten bestenfalls eine höhere Autonomie über ihre Zeit. Für Berufspendler, die weiter Strecken zurücklegen und morgens wie abends im Stau feststecken, würde sich der Stress reduzieren – was sich wiederum positiv auf die Gesundheit auswirkt.

Auch gibt es in Büros nicht immer einen Grund jeden Tag ins Büro zu gehen – vereinzelt können sich Tage im Homeoffice positiv auf die Arbeitszufriedenheit auswirken. Im Gegensatz zu Großraumbüros, kann es im Homeoffice sogar ruhiger zugehen. Die Kombination aus dem positiven Gefühl der Autonomie mit zeitlichen Einsparungen wird für manche Arbeitnehmer Grund genug sein, um Homeoffice einer betrieblichen Arbeitsstätte vorzuziehen. Dieser Wunsch besteht – dafür müssen moderne Antworten gefunden werden.

Betriebliche Forderungen digital organisieren

Die Bedenken in puncto Homeoffice sind berechtigt – die digitale Arbeitswelt ist kein freiheitliches Paradies der Selbst- und Mitbestimmung von Arbeitnehmern. Was bisher fehlt sind Konzepte für betriebliche Organisation, die in der Breite akzeptiert werden. Der Austausch zwischen Mitarbeitern muss auch digital funktionieren – Betriebsräte müssen Informationen erhalten, auch wenn Kollegen nicht physisch präsent sind. Der Austausch von Mitarbeitern muss dabei auf Plattformen geschehen, die sicher und leicht zugänglich sind. Arbeitnehmer müssen sich fernab von den Augen und der Infrastruktur des Arbeitsgebers austauschen können. Wenn man sich nicht in der Kantine treffen kann, muss eine digitale Kantine her. Bei Konzepten zu Homeoffice ist man zwar mittlerweile weit, aber Konzepte für betriebliche Mitbestimmungen hinken hinterher.

 

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