Arbeitsmarkt: Brauchen alle Tech-Skills?

Die Rezession infolge der Corona-Krise erschüttert den Arbeitsmarkt. Millionen von Menschen sind in Kurzarbeit und fürchten um ihren Job. Sind Tech-Skills die Lösung? Von Alice Greschkow

Die Rezession, die sich infolge der Corona-Krise entfaltet, lässt „softe“ Themen des Arbeitslebens wie Freiheit und Selbstbestimmung in den Hintergrund rücken. Im April waren über zehn Millionen Menschen in Kurzarbeit gemeldet – über 300.000 Menschen wurden arbeitslos. Diese Krise wird den Arbeitsmarkt noch lange aufwühlen, denn der wirtschaftliche Wiederaufbau wird andauern. Der Wettbewerb wird härter wird und Trends der Digitalisierung an Geschwindigkeit gewinnen. Arbeitnehmer kommen kaum noch an Tech-Fähigkeiten vorbei.  

Welche Skills und Jobs werden gesucht?

Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die sich mit der Frage befassen, in welche Richtung sich die Arbeitswelt verändern wird. Auch wenn es unterschiedliche Analysen gibt, wie viele Jobs durch die Digitalisierung entstehen, bzw. wegfallen, sind sich alle einig, dass Tech-Fähigkeiten die Skills sind, die nachgefragt werden. Der Stifterverband hat in Kooperation mit der Beratungsgesellschaft McKinsey bereits 2018 das „Future Skills Framework“ herausgegeben – eine Analyse über die Berufe und Jobs, die der Arbeitsmarkt und Arbeitgeber fordern, die auf der Befragung von über 600 Unternehmen basiert. Vor zwei Jahren prognostizierten die Experten, dass bis 2023 rund 700.000 Tech-Jobs offenstehen würden – komplexe Datenanalyse, KI- und Big-Data-Kenntnisse, Tech-Übersetzungsfähigkeiten oder nutzerorientierte Entwicklung (UX) bilden dabei die Speerspitze der wertvollen Skills. Aber auch digitale Grundkenntnisse werden benötigt – dazu gehören auch Agilität und Kollaboration. Unter den nichtdigitalen Fähigkeiten sind Problemlösungsfähigkeit, Kreativität und Durchhaltevermögen gefragt. 

Die LinkedIn-Prognose zu den beliebtesten künftigen Jobs bestätigte den Trend zur digitalen Speerspitze: KI-Spezialisten, Site Reliability Engineers und Customer Success Specialists würden am häufigsten in Zukunft gesucht werden. Aber auch Data Scientists, Data Consultants und Data Engineers würden gesucht werden. Von den 15 Top-Jobs gibt es keinen einzigen ohne IT-Bezug. Diese Trends sowie die Prognose der Stifterverbands beziehen sich auf eine bestimmte Zielgruppe – High Potentials mit einem IT-Profil, die gute Gehälter verdienen werden. Allerdings ist der Arbeitsmarkt heterogen und vielfältig – dies verdeutlicht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). 2015 war der Gesundheitssektor mit 5,5 Millionen Arbeitnehmern fast so groß wie die Handelsbranche und nahezu sechs Mal größer als die IT-Branche. Der Gesundheitssektor und die IT-Branche werden bis 2035 weiterhin wachsen, die Industrie hingegen schrumpft. Doch auch in den Bereichen, die vermeintlich wenig mit digitalen Technologien zu tun haben, zieht die Digitalisierung ein. Zumindest ein Grundmaß an digitalen Skills wird in immer mehr Jobs benötigt werden. Man kann dies gerade an der E-Health-Branche beobachten, die nicht nur wegen der Corona-Pandemie boomt.

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Millionen Menschen arbeiten im Gesundheitssektor

Bereits jetzt redet man davon, dass diese Krise den Wandel der Arbeitswelt beschleunigt – man konnte in den vergangenen Wochen beobachten, wie Millionen von Menschen plötzlich aus dem Homeoffice arbeiteten und die digitale Infrastruktur dafür geschaffen wurde. Doch was ist mit den persönlichen „soft skills“, die in den vergangenen Jahren so gepriesen wurden? Es scheint, dass zumindest teilweise zwischenmenschliche Fähigkeiten wie Empathie oder Teamfähigkeit ein Stück weit entwertet werden. Wenn in einer digital dominierten Welt zunehmend das Ergebnis und nicht das Team von wahrgenommen wird, verringern sich die Räume, in denen zwischenmenschliche Begegnungen eine Rolle spielen. Zudem darf nicht vergessen werden, dass manche Tätigkeiten gänzlich bedroht sind, wenn sie automatisiert werden können – Algorithmen sind günstiger als Arbeitnehmer. Es ist beachtlich, dass allerdings gerade Arbeitnehmer mit einem hohen Routineanteil – also mit Tätigkeiten, die eher als bedroht gelten – seltener und für kürzere Zeit an Weiterbildungenfür Informationstechnologie- und Kommunikationsfähigkeiten teilnehmen. 

Jenseits der IT-Welt geht es auch weiter – doch zu welchen Bedingungen?

IT-Fachkräfte bilden einen geringen Anteil auf dem Arbeitsmarkt und die Mehrheit der Leute arbeitet in keinem datenbezogenen Beruf. Ob sie PR-Manager, Bürokaufleute oder Banker sind – auch jenseits der unmittelbaren IT-Welt gibt es Bedarf an guten Arbeitnehmern. Nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch in der Bildung, der Logistik sowie bei unternehmerischen Dienstleistungen wird die Nachfrage Experten zufolge wachsen. Die Frage ist jedoch – zu welchen Bedingungen? Wenn bestimmte Branchen und Fähigkeiten wertvoll werden – wie im Fall des IT-Sektors – sinkt die Nachfrage an anderer Stelle, Gehälter sinken, Jobs verschwinden. Dies ist Teil des Fortschritts. 

Für mich bleiben zwei Fragen offen: Erstens, wie können einstige „solide Mittelstandsjobs“, die an Wert verlieren zumindest über einen bestimmten Zeitraum gut genug vergütet werden? Zweitens, was muss geschehen, damit mehr Menschen nachgefragte Fähigkeiten lernen, um gute Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu haben?

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