Wie organisiert man Arbeit am gewinnbringendsten? Diese Frage beschäftigte Kleinhandwerker sowie Großindustrielle seit Jahrhunderten. Auf jede technische Entwicklung reagierte die Arbeitsorganisation – das ist ein normaler Prozess des Fortschritts. Warum wehren sich dann so viele Unternehmen und Angestellte gegen neue Arbeitsmethoden?

Denken wir uns kurz in die Jahrhundertwende um 1900 zurück. Im Zuge der Industriellen Revolution sorgen nicht nur Maschinen dafür, dass die Produktivität stieg, sondern auch das Verständnis, dass die Produktion in großer Stückzahl durch kleinteilige Aufgaben zur Vergrößerung der Gewinnspanne führt. Großfabriken waren eine neue Form der Arbeitsorganisation, die dafür sorgen sollte, dass dieses Ziel erreicht wurde.

Daimler-Benz AG, Werk Sindelfingen: End-Fließband der Wagen, 1956; Quelle: Bundesarchiv CC 3.0

Arbeitsteilung war das Effizienzgeheimnis der Industriellen – Menschen konnten schneller arbeiten, wenn sie in einer Teilaufgabe sehr geübt waren, anstatt ein ganzes Produkt vollständig selbst zu erarbeiten. Eine Reihe von Teilschritten ausgeführt von einer Vielzahl Händen – zusammenbauen, montieren, sortieren, einpacken. In Deutschland war es das Gebäckunternehmen Bahlsen, das 1905 das erste Fließband errichtete. Damit wurden Arbeitsabläufe stetig optimiert. Die bahnbrechenden Erkenntnisse über Produktivität sorgten außerdem dafür, dass durch Massenproduktion mehr und mehr Produkte erschwinglich wurden.

In vielen Fabriken in Deutschland und der westlichen Welt waren die Arbeitsbedingungen hart – es war stickig, dicht gedrängt, laut, anstrengend, zum Teil gefährlich. Die Tätigkeiten waren monoton und stupide. Dennoch wuchs mit der Industrialisierung das Pro-Kopf-Einkommen sukzessiv an und gerade für arme Landwirte stellte die Fabrik eine Verbesserung des Lebensstandards dar. Im Gegensatz zur harten körperlichen Arbeit, Felder mit einfacher Gerätschaft zu bewirtschaften, schützten die Fabriken immerhin vor den Witterungsbedingungen und dem Risiko des Ernteausfalls.

Langsam verschwand auch die Kinderarbeit in der westlichen Welt. Das hat nicht nur mit einem humanitären Gedanken zu tun, sondern mit der ökonomischen Realität, dass anstrengende Aufgaben von Erwachsenen effizienter bewältigt werden konnten. 1904 wurde ein Kinderschutzgesetz verabschiedet, dass es Unternehmen untersagte, Kinder unter zwölf Jahren zu beschäftigen. Zuvor war es keine Seltenheit, dass vor allem in armen Familien schon die Kleinsten anpacken mussten.

Diese Form der Arbeitsorganisation hatte natürlich Nachteile und es gab Fälle massiver Ausbeutung, doch die Tatsache, dass Arbeiter sich in einem engen Raum begegneten und austauschten, unterstützte die Arbeiterbewegung. Der lange Kampf für bessere Arbeitsbedingungen wurde von Gewerkschaften getragen und durch Boykotts und Streiks kam es zwischen Mitte des 19. und 20. Jahrhunderts zu bedeutenden Verbesserungen – Urlaubsansprüche, höhere Sicherheitsstandards, geregelte Arbeitszeiten, Tarifverträge und eine Vertretung mit politischem Gewicht sind nur einige Errungenschaften.

Arbeit als Fabrik zu denken und zu organisieren, hat sich aus einer Vielzahl an Gründen also durchgesetzt. Doch die Fabrik war eine Reaktion auf die technischen Entwicklungen und nicht der Standard. Die Phase der Fabrikarbeit hat die Arbeitswelt so nachhaltig geprägt, dass es mittlerweile kaum vorstellbar ist, in der Breite Unternehmen auf andere Art organisieren zu können. Das Wissen über die Organisation ist raffiniert geworden, das Controlling konnte Gewinnspannen mehr und mehr optimieren.

Tatsächlich wird die Fabrik auch nicht wegfallen, doch im herstellenden Gewerbe wird die Automatisierung dazu führen, dass bestimmte Produktionstätigkeiten nicht mehr von Menschen geleistet werden müssen. In der Dienstleistungsbranche gibt es durch neue digitale Instrumente immer weniger Gründe dafür, weshalb man fabrikartig organisiert sein muss. Sowohl in der Industrie als auch in der Dienstleistungsbranche ist es für Unternehmen nämlich längst nicht mehr am wertvollsten, Menschen zu haben, die eine klar definierte Aufgabe monoton wiederholen. Es ist die Denkarbeit dahinter, die für Wettbewerbsvorteile sorgt.

Auch heute sind Büroprozesse an das klassische Fabrikmodell angelehnt. Quelle: Alex Kotliarskyi via Unsplash; CC 0

Ist Denkarbeit jedoch am qualitativsten, wenn eine strikte Präsenzzeit herrscht, in der man im Zweifel an ein festes Großraumbüro fixiert ist, welches im schlimmsten Fall viel zu laut für einen klaren Gedanken ist? Besonders in Unternehmen, in denen Innovation und Kreativität notwendig sind, um gegen Mitbewerber herauszustechen, sollte das laute Großraumbüro überdacht werden.

Kreativität lebt nicht davon, an einem festen Ort zu sitzen, sie ist auch nicht ad hoc abrufbar wie eine Fähigkeit zum Abarbeiten stupider Aufgaben. Sie braucht den Freiraum sich allein entfalten zu können, sowie die Kollaboration mit anderen für den Austausch. Die fabrikartige Organisation, die lediglich Teilaufgaben delegiert oder auf Monotonie abzielt, scheint ein Relikt aus der Vergangenheit zu sein. Das heißt nicht, dass sie nicht in manchen Fällen noch sinnvoll ist, aber sie ist längst nicht mehr die erfolgsversprechende Vision für die Zukunft, zumal die Produktivität in Deutschland seit Jahren stagniert.

Natürlich ist eine Abkehr von solch einer klar definierten Arbeitsstruktur mit Risiken verbunden – Unternehmen haben das Gefühl keine Kostenkontrolle mehr zu haben. Sie sehen nämlich nicht mehr, wo sich die Arbeitnehmer befinden und auch nicht, ob sie überhaupt arbeiten. Die sichtbare Präsenz wirkt stets beschwichtigend, wenn man weiß, dass man Geld in Arbeitnehmer investiert. Leider ist die bloße körperliche Anwesenheit kein Garant dafür, dass Arbeit geleistet wird – man kann nämlich sehr viel Zeit im Internet verplempern oder auch schlicht eine Excel-Tabelle anstarren und in Gedanken verloren sein.

Die Frage nach dem Vergütungsmodell ohne feste Stunden und ohne festen Ort wird Unternehmer in Zukunft weiter beschäftigten. Aber auch für Arbeitnehmer bergen flexible Organisationsmodelle das Risiko, dass sie den Arbeitnehmerschutz untergraben, indem sie sie sich überarbeiten und durch ständige Erreichbarkeit mehr Stress als eine verbesserte Arbeitsqualität erreichen. Auch die schwindenden Begegnungsräume lassen es unwahrscheinlich werden, dass Kollegen sich als solche wahrnehmen und sich zusammenschließen, um gegen Probleme vorzugehen.

Eine Umstellung auf ein neues Organisationsproblem ist kein leichtes Anliegen. Mit der digitalen Transformation sowie der zunehmenden Automatisierung im Nacken, ist es allerdings notwendig ein neues Modell zu finden, dass einerseits bessere Arbeit ermöglicht und gleichzeitig Menschen dazu ermutigt, sich damit auseinanderzusetzen. Eine unbequeme Wahrheit der neuen Arbeitswelt ist nämlich, dass der Bedarf und die Zahlungsbereitschaft für gering qualifizierte Kräfte schwinden. Die Zukunft kann zwar komfortablere und innovationsfördernde Arbeitsmodelle in einigen Branchen bieten – für diejenigen, die sich nicht an die neuen Anforderungen anpassen, ist die Perspektive jedoch düster.

 

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