Care Work: Weltweit 12 Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit

Weltweit übernehmen Frauen den Großteil der Care-Arbeit. Auch in Deutschland treten Frauen im Beruf oft kürzer, um sich um Haushalt, Kinder oder Angehörige zu kümmern. Die finanziellen Risiken sind groß. Von Alice Greschkow

  • Donnerstag, 23. Januar 2020

„Das bisschen Haushalt macht sich von allein, das bisschen Haushalt kann so schlimm nicht sein – sagt mein Mann“, sang Johanna von Koczian 1977 und fand damit die treffenden Worte für das, was Millionen von Hausfrauen sich lange anhören mussten: Hausarbeit und Kindererziehung seien keine richtige Arbeit, das gehöre einfach zum Frausein dazu. Auf die Idee, dass diese Tätigkeiten einen Wert haben könnten, kam scheinbar kaum jemand.

Care Work ist die einzige Form der Arbeit, die einen ärmer werden lässt 

In Deutschland hat sich seit den 1970-ern viel getan – der Anteil der erwerbstätigen Frauen ist gestiegen und auch ein neues Selbstbewusstsein sorgt dafür, dass die wenigsten Hausfrauen sich im herablassenden Ton erklären lassen würden, dass sie nichts leisten würden. Dennoch ist die Lage nach wie vor herausfordernd – vor allem im globalen Überblick. 

Laut einer neuen Oxfam-Studie verrichten Frauen weltweit jeden Tag 12 Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit – im Haushalt, bei der Kindererziehung, beim Einkaufen und Kochen oder der Pflege von Angehörigen. Würde man diese Arbeit mit einem Mindestlohn vergüten, läge die wirtschaftliche Potenz bei elf Billionen Dollar pro Jahr. Oxfam sieht darin den Hauptgrund für die Vermögensunterschiede zwischen den Geschlechtern. 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen besitzen die Männer global gerechnet. Die Genauigkeit der Oxfam-Studie wird zwar kritisiert, doch das Muster in puncto Care-Arbeit ist deutlich: Frauen verzichten auf ein Gehalt, weil sie sich um andere kümmern.

Dass Hausarbeit und Kindererziehung Tätigkeiten sind, die durchaus einen monetären Wert haben, zeigt der Trend in Großstädten zur Putzhilfe oder der Nanny. Die Feministin Teresa Bücker skizzierte ausführlich wie das Gefälle der Care-Ökonomie dazu führt, dass berufstätige Frauen die lästigen Hausarbeiten an Dienstleisterinnen – oft aus dem Ausland – outsourcen.

Für diejenigen, die nämlich einen sicheren Beruf haben möchten – dabei geht es nicht einmal um eine steile Karriere – ist es wichtig, am Arbeitsplätz präsent und flexibel zugleich zu sein. Jede Stunde, die wegen der Betreuung eines kranken Kindes im Büro verpasst wird, jeder Abend, an dem man sich nicht in Themen tiefer einlesen konnte, sondern Abendessen gekocht hat – rechnet sich negativ.

Care-Arbeit scheint die einzige Form der Arbeit zu sein, die einen ärmer werden lässt – sie wird nämlich sanktioniert. Während das unvergütete Ehrenamt nämlich für das Engagement und gewonnene Soft Skills wertgeschätzt wird, ergibt sich keine zusätzliche Attraktivität für den Berufsmarkt, wenn Menschen sich um andere gekümmert haben. Im Gegenteil. In einer internationalen Vergleichsstudie wurde klar, dass Deutschland Frauen mit Kindern am nachhaltigsten beim Gehalt sanktioniert. Auch 10 Jahre nach der Geburt eines Kindes, erhalten Frauen im Schnitt fast zwei Drittel weniger Gehalt.

Es geht nicht um den Kampf gegen konservative Familienbilder – es geht um Absicherung 

Der Unterschied im Gehaltsdurchschnitt ist auch darauf zurückzuführen, dass viele Frauen aus dem Erwerbsleben ausscheiden oder in Teilzeit arbeiten. Für diejenigen, die ein konservatives Familienbild pflegen und es als gemeinschaftliche Verantwortung betrachten, wenn einer sich um die Care-Arbeit kümmert und der andere das Geld verdient, mag alles nicht problematisch wirken. Allerdings ist dieses Modell – so gut es für manche Familien funktionieren mag – nicht auf die aktuellen Rentenherausforderungen eingestellt.

In einer Marktwirtschaft zählt die wirtschaftliche Potenz bekanntlich viel – es ist wichtig, finanzielle Selbstständigkeit zu erlangen, vorzusorgen, sich durch Geld Gestaltungsfreiräume zu schaffen. Frauen können nicht für sich selbst vorsorgen, wenn sie kein Einkommen haben. Das muss jemand anders für sie übernehmen – wenn überhaupt. Dabei wäre das sowohl im Sinne der persönlichen Autonomie wichtig, aber vor allem, um sich auf die Risiken des Arbeitslebens einzustellen.

Es sind dabei nicht nur Scheidungsraten, die sowohl Männer, als auch Frauen dazu veranlassen sollten, sich finanzielle Sicherheit aufzubauen. Es geht auch um die Frage, was passiert, wenn der Hauptversorger krank wird, stirbt oder keinen Job mehr findet. Ferner pocht die Frage was passiert, wenn das Rentenniveau langfristig absinkt. Bereits jetzt steigt die Altersarmut, die Prognosen dazu sehen düster aus.

Langfristig birgt dies auch Risiken für den gesellschaftlichen Frieden und die Sozialkassen. Wie die kompetitive unternehmerische Arbeitswelt, Pflegearbeit, Erziehungsarbeit miteinander verbunden werden können, ist eine der dringendsten Fragen vieler westlicher Länder. Die Lösungen werden bisher importiert – in Form von polnischen, bulgarischen und ukrainischen Pflegekräften. Der Kulturwandel in Familien und Unternehmen vollzieht sich hingegen langsamer.

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