Der Beratungskonzern EY untersucht jährlich die Stimmung unter den Arbeitnehmern in Deutschland – und kommt zu einer ernüchternden Bilanz für das Jahr 2019: 71 Prozent klagen über eine erhöhte Arbeitsbelastung und vor allem Arbeitnehmer zwischen 30 und 39 Jahren sind besonders demotiviert.

Schlechte Stimmung bei Arbeitnehmern; Foto: Tom Morel

Motivation bei den Älteren am höchsten

Während 2017 noch 42 Prozent angaben, im Job „äußerst motiviert“ zu sein, fiel der Wert 2019 auf 29 Prozent. In den Altersgruppen unter 65 Jahren liegt der Anteil der „äußerst motivierten Mitarbeiter“ zwischen 21 und 32 Prozent. Die jüngste Gruppe bis 29 Jahren sowie die erfahrenen Arbeitnehmer zwischen 50 und 64 sind am zufriedensten. Die Zufriedenheit fällt stark in der Gruppe der 30 bis 39-Jährigen.

Ein möglicher Grund für diese Veränderung könnte die geringe Wertschätzung der eigenen Arbeit sein. Laut Studie fühlen sich lediglich 60 Prozent gewürdigt – 2017 waren es noch 80 Prozent. Markus Heinen, Perrsonalbereichsleiter von EY, sieht eine fehlende „interne Kultur des Zuhörens“: 

„Es gelingt ihnen nicht, ihren Beschäftigten eine für sie erfüllende Rolle zu ermöglichen und ihnen gleichzeitig das Gefühl zu geben, für ihre Leistungen gewürdigt zu werden. Es ist wichtig, dass das Top-Management immer wieder in das Unternehmen hineinhorcht, um mögliche Unzufriedenheit schnellstmöglich zu erkennen und gegensteuern zu können.“

Außerdem berichten 71 Prozent der Arbeitnehmer die Arbeitsbelastung hätte für sie in den vergangenen fünf Jahren (stark) zugenommen. Auffällig ist dabei, dass vor allem die älteren Arbeitnehmer eine höhere Arbeitsbelastung erfahren, deren Zufriedenheit jedoch am höchsten ist.

EY sieht den Kulturwandel in der Arbeitswelt in der Millennial-Generation als ausschlaggebenden Faktor. Einerseits definiere sich diese Generation nicht mehr so stark über die Arbeit, andererseits wechsle sie häufiger den Job bei Unzufriedenheit. Der US-amerikanische Autor und Unternehmensberater Simon Sinek kritisierte hinsichtlich der jungen Generation, dass die Widerstandskraft tatsächlich nachgelassen habe und dies zu Unzufriedenheit führe, weil sich Erfolgserlebnisse oft erst nach Mühen und Schwierigkeiten einstellen.

Digitalisierung führt zu mehr Belastung

Die Studie gibt auch Hinweise darüber, welche Rolle die Digitalisierung der Arbeitswelt hat: 44 Prozent geben an, dass die Belastung durch die Digitalisierung größer geworden ist, 43 Prozent sagen „teils, teils“ und lediglich 13 Prozent gaben an, dass die Arbeitsbelastung gesunken ist. Die Erwartung einiger Experten, dass durch digitale Automatisierungsprozesse viele Tätigkeiten digital ersetzt werden können und dadurch Kapazitäten freiwerden, hat sich bisher nicht bestätigt.

Andererseits ist dies ein Hinweis darauf, dass die ständige Erreichbarkeit dazu führt, dass beruflicher Stress als größer empfunden werden. Jeder zweite Arbeitnehmer gibt nämlich an, dass es schwieriger geworden sei, den Beruf und das Privatleben zu vereinbaren. Die Tatsache, dass die Generation, die sich in ihren 30-ern befindet, intensiver vernetzt ist und mehr digitale Technologien nutzt, könnte eine Erklärung sein, weshalb die Zufriedenheit so gering ist.

Ruheräume sind dabei essenziell für die Zufriedenheit mit der Arbeit und sich selbst. Es gibt eine Vielzahl neurowissenschaftlicher Hinweise, dass Entspannungsphasen wichtig sind, um Fokus aufzubauen und seine Ziele zu erreichen – was wiederum zu Arbeitszufriedenheit führt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass jeder zweite Arbeitnehmer unter 40 Gehaltsanteile für mehr Freizeit tauschen würde. Der Wunsch nach Autonomie und Ruhe scheint ausgeprägt zu sein.

Arbeitgeber sollten Tendenzen ernst nehmen

Was bei der Bewertung der Studie nicht vergessen werden darf: die Erhebungsart hat sich zwischen 2017 und 2019 geändert. Während 2017 das Bielefelder Marktforschungsinstitut Valid Research eine Stichprobe telefonisch befragte, erhob 2019 das Digitalunternehmen Civey die Daten per Online-Umfrage. In der Forschung gibt es einen Methodenstreit über die Frage, welche Erhebungsart die ehrlichsten Antworten generiert (mehr Hintergründe hat der Deutschlandfunk aufbereitet).

Dennoch deuten die Daten auf die Tendenz hin, die in anderen Untersuchungen bestätigt wurde: Gallup untersuchte, dass 14 Prozent der Arbeitnehmer bereits „innerlich gekündigt“ hätten und 71 Prozent nur noch „Dienst nach Vorschrift“ machen. Das ist das Gegenteil von motivierter Arbeit. Dadurch gehen Unternehmen Milliarden verloren.

Die Expertin Wiebke Köhler hatte errechnet, dass 275 Milliarden Euro der deutschen Wirtschaft wegen fehlender Motivation entgehen. Arbeitgeber sollten daher ein starkes Interesse daran haben, die Zufriedenheit zu erhöhen – sei es mit eingeschränkten Zeiten der Erreichbarkeit auf dem Smartphone oder eine Arbeitskultur, die Work-Life-Balance gestattet und nicht einen Überstundenwettbewerb honoriert.

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