Die Veränderung kam schleichend: Tobias* merkte auf einmal, dass er die Freude verlor und sich immer schlechter zu Aktivitäten aufraffen konnte. Zunächst dachte er, es sei eine schlechte Phase, doch sie verging nicht. Es dauerte eine Zeit, bis die Diagnose klar war: Tobias war an Depressionen erkrankt.

Von außen betrachtet, merkt man ihm nichts an. Ein junger Mann Anfang 30 mit einer stabilen Partnerschaft und einem interessanten Job als Unternehmensberater in Berlin – einer wie viele andere. Doch es ist wohlmöglich gerade diese Kombination ans „Erfolgsmarkern“, die trügerisch ist. Wer an Depressionen leidet, muss doch einsam sein, ernsthafte Probleme haben oder einen Schicksalsschlag erlebt haben – so die häufige Annahme. Doch die mentale Gesundheit funktioniert nicht nach einem Kriterienkatalog.

Wenn es nur um Leistung geht, ist kein Platz für Gesundheit

Tobias hat sich professionelle Hilfe gesucht, um mit der Krankheit umzugehen, doch sein berufliches Umfeld hadert mit dem richtigen Umgang. Es handelt sich dabei um eine wachstumsorientierte Beratung in Berlin-Mitte. Junge Arbeitnehmer sammeln oft erste seriöse Arbeitserfahrung, testen ihre Grenzen, versuchen Kunden zu überzeugen. Pitches, Präsentationen und Projektkonzeptionen gehören zum Alltag der schnelllebigen Branche.

Der Kunde ist König – im Zweifel auch nach 20 Uhr oder auch am Wochenende. Eine Deadline im Nacken kann auf wundersame Weise motivieren. Überstunden sind durch das Gehalt abgegolten – Freizeitausgleich gibt es in Tobias Unternehmen nicht. Leistung soll sich schließlich lohnen, doch de gilt es zunächst einmal unter Beweis zu stellen. Junge Berater sollen lernen Belastung, Stress und Druck auszuhalten – dann winkt die Beförderung, das Prestige, das höhere Gehalt.

Der Beraterjob ist wegen wechselnder Inhalte und der Kundendynamik für viele gerade deshalb attraktiv – auch als Sprungbrett, um zu einem Kundenunternehmen zu wechseln. Doch die Branche, die sich gerne Attribute wie modern und divers zuschreibt, ist im Leistungsdenken konservativ. Tobias hat dies erfahren, als er seinen Vorgesetzten von seiner Depression erzählte.

Zunächst zeigten sie sich verständnisvoll und versuchten zusätzlichen Druck von ihm fernzuhalten. Er war weiterhin in Projekte involviert, jedoch ohne die Federführung. In der Praxis zeigte sich jedoch wenig Veränderung – wenn Projekte fertig werden mussten, bedeutete dies auch für Tobias, dass er länger arbeiten musste – zumal viele seiner Kollegen nichts über die Depression wissen.

Arbeitgeber sind im Umgang mit Depressionen überfordert

Tobias sieht den Job nicht als Auslöser seiner Depression, doch ihm ist es wichtig, dass Arbeitgeber ein Verständnis für die Erkrankung entwickeln. „Sie sind vollkommen überfordert und wissen nicht, was sie tun sollen“, erklärt er über seine Vorgesetzten. Dabei sind Depressionen stark verbreitet: Das Robert-Koch-Institut untersuchte 2015, dass in Deutschland rund jeder 10. Deutsche eine „depressive Symptomatik“ aufweist – also einen beeinträchtigenden Einfluss der mentalen Gesundheit. Das Spektrum der Intensivität der depressiven Erkrankungen ist breit, doch Symptome wie Energieverlust und Niedergeschlagenheit sorgen dafür, dass Betroffene nicht umfänglich am Alltag teilnehmen können.

Tobias möchte, dass es ihm bald besser geht. Um sich auf seine Genesung zu konzentrieren, hat er seine Arbeitszeit auf 80 Prozent reduziert. Die Überforderung seiner Vorgesetzten konnte er kurze Zeit später jedoch auch an deren Reaktion ablesen: sie legten ihm nahe sich zu überlegen, ob die Beratungsbranche für ihn das richtige Umfeld sei. Er betont, dass er nicht gemobbt oder rausgeekelt wird, doch für diejenigen, die nicht immer volle Leistung geben können, scheint in der Unternehmensberatung kein Platz zu sein.

Tobias weiß, dass Führungspersonen trotz einer höheren medialen Sensibilität für mentale Gesundheit noch immer mit psychischen Erkrankungen hadern – ihnen fehlt das Wissen darüber, was die Beeinträchtigungen bedeuten. Vor allem bei älteren Arbeitgebern herrscht noch die Einstellung, dass Arbeitnehmer sich einfach zusammenreißen müssten – dann verginge die „Traurigkeit“. Tobias sieht vor allem im Mittelstand wenig Bewusstsein darüber, wie mit depressiven Arbeitnehmern umzugehen ist.

Ihm ist es wichtig, dass er einen festen Beruf hat und sich sinnvoll einbringen kann. Er möchte arbeiten, doch seine Genesung erfordert Zeit und Fokus auf den Prozess. Vor dem Hintergrund, dass Millionen von Menschen in Deutschland Erfahrungen mit depressiver Symptomatik haben, sei es notwendig, dass das Stigma der Depression abgebaut wird. Für die Zukunft wünscht er sich einen Arbeitgeber zu finden, der nicht entweder nur die Leistung oder ausschließlich die Depression sieht – sondern den Menschen, der versucht mit Depressionen zu leben.

*Name geändert

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