Der Raum entscheidet: Wie nach der Corona-Krise bessere Büros entstehen können

Aus der notgedrungenen Homeoffice-Isolation fällt auf, wie wichtig die richtige Umgebung für gutes und produktives Arbeiten ist. Daraus können Unternehmen lernen und ihre Büros umgestalten – es gibt nämlich seit längerer Zeit ein Raumkonzept, das bei Leistung und Motivation trumpft. Von Alice Greschkow

Wegen des Kontaktverbots aufgrund der Corona-Krise sind Millionen von Menschen zum ersten Mal für eine längere Zeitspanne im heimischen Büro – dem Homeoffice. Was in der Vergangenheit oft eingefordert wurde, ist nun notgedrungen Realität geworden. Allerdings zeigt das Leben im Homeoffice, weshalb Büros attraktiv sind – und wie sie besser werden können.

Ablenkung zu Haus – nicht nur in der Ausnahmesituation

Natürlich – in den allermeisten Fällen wurde Homeoffice nicht unter den richtigen Voraussetzungen eingeführt: die Vorbereitung war gehetzt, manchmal fehlt die digitale Infrastruktur, auch Datenschutzbestimmungen für das Arbeiten im privaten Raum kommen vielerorts zu kurz. Zudem begegnen viele Menschen zu Haus einer Situation, die ungewohnt ist: die ganze Familie ist da – Kinder lernen, lesen, essen, spielen, malen. Unter optimalen Bedingungen kann der gezielte Rückzug in den Homeoffice die Produktivität sogar steigern. 

Allerdings gibt es auch jenseits von Notsituationen oft Probleme mit der Arbeitsroutine von zu Haus aus: Ablenkung – Netflix, die Wäsche oder die Küche sind zu leichte Ablenkung, wenn man eigentlich etwas leisten möchte. Die Motivation sinkt dabei leicht. Denn die Qualität der Arbeit hängt auch davon ab, wie die Umgebung gestaltet ist – sie hat bewusst und unterbewusst einen Einfluss auf Stimmung, Konzentration und Wohlbefinden.

Was es zum guten Arbeiten braucht

Der IT-Professor und Autor Cal Newport hat in seinem Buch „Deep Work“ beschrieben, welche Komponenten es braucht, um vertieft, produktiv und konzentriert zu arbeiten: Ruhe, Abwechslung und Raum für schnellen und leichten Austausch. Als oberste Priorität für produktive Arbeit – einen neurologischen Zustand, der mehr Fokus und Innovationskraft hervorbringt und als „Deep Work“ beschrieben wird – sieht Newport die konzentrierten Ruhephasen ohne jegliche Ablenkung – dazu gehören auch Anrufe, E-Mails und Messenger. Er sieht, dass man sehr viel Produktivität in etwa drei Einheiten je 90 Minuten sehr viel produktiver arbeiten kann – wenn es keine Ablenkung gibt.

Doch nicht nur die ungestörte Arbeitsphase ist relevant – auch die Zeit zwischen diesen Einheiten ist wesentlich. Newport sieht, dass es zum einen auch tatsächlich Ablenkung braucht, in der die Gedanken „wandern“ können. Wichtig: dabei handelt es sich nicht um schnelle impulsive Reize, die man über soziale Medien oder Netflix bekommt. Dabei wird der Geist eher träge. Newport sieht Sport oder Spaziergänge als gute Option, um die Konzentrationsfähigkeit wieder aufzuladen.

Als dritten Aspekt für gute Arbeit beschreibt er ein Arbeitsmodell, in dem Menschen zusammenkommen können und sich auf kurzem Dienstweg über ihre Ideen und Projekte austauschen können. So entstehen Synergien und Innovationen am besten: nach Phasen der individuellen tiefen Arbeit, kommen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen und tauschen sich über ihre jeweiligen Fortschritte aus.

Das richtige Raumkonzept muss her

Wissenschaftliche Erkenntnisse stützen dieses Modell, das Newport beschreibt. Das Fraunhofer IAO hat anhand der Parameter Wohlbefinden, Performance und Motivation untersucht, welche Raumkonzepte die beste Wirkung auf die Mitarbeiter haben. Sie verglichen Einzelbüros, Zwei-Personenbüros, Mehr-Personenbüros, Kombibüros, Gruppenbüros (6-20 Personen), Großraumbüros (ab 20 Personen) und Multispaces, die ruhige Rückzugsorte, offene Räume und Gesprächsecken in einem flexiblen Konzept verbinden.

In puncto Performance schnitt das Mehr-Personenbüro (2-5 Personen) am schlechtesten ab, das Großraumbüro hatte die schlechteste Bilanz für das Wohlbefinden der Mitarbeiter. Einzel- und Kombibüros zeigten positive Effekte, der Multispace überstieg diese jedoch deutlich. Vor allem die Leistung, bzw. Performance stieg stark an. Dies deutet darauf hin, dass die Kombination aus Ruhe und Kollaboration Leistung und Motivation zu erhöhen. Der Vorteil ist, dass man weder von Anrufen und Gesprächen von Kollegen abgelenkt wird, noch, dass man so isoliert ist, dass man keinen Austausch und Feedback erhält.

Die Erfahrungen, die Menschen im Homeoffice nun machen, werden ein starker Kontrast zum Büroalltag sein. Homeoffice kann – bei richtiger und gezielter Umsetzung – die Produktivität fördern und es ist ein gutes Instrument, um die Work-Life-Balance zu verbessern. Nichtsdestotrotz wird das Büro in den allermeisten Fällen die wesentliche Arbeitsstätte bleiben. Die jetzigen Homeoffice-Erfahrungen können vielleicht der Anlass sein, um Raumkonzepte besser zu planen und mehr aus dem Potenzial der Mitarbeiter zu holen.

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