Von Alice Greschkow

Interesse finden, früh festlegen, üben, üben, üben – das ist der Weg, der zur Karriereleiter führen soll. Die Spezialisierung sei wesentlich für den späteren Erfolg – man muss in etwas erst richtig gut werden, sonst kann man die ganzen Experten und Überflieger nie wieder einholen. Doch es gibt auch einen anderen Weg zu einem erfüllenden Arbeitsleben – und der hat wenig mit Spezialisierung zu tun.

Bringt der Fokus auf eine Tätigkeit mehr oder doch ein breites Spektrum an Interessen? Foto: Devin Edwards via Unsplash
Enge Nischen, geradlinige Muster

Spezialisierung scheint in den vergangenen Jahrzehnten in der Ausbildung sowie der Geschäftswelt an Bedeutung gewonnen zu haben. Die Bologna-Reform ist ein Beispiel für den Siegeszug der Spezialisten im Hochschulwesen. Während es bis zur Einführung möglich war, Seminare zu besuchen, die nicht direkt etwas mit dem eigenen Hauptfach zu tun hatten, setzte die Bildungsreform dieser Freiheit ein Ende: verschulte Studienpläne mit einem geringen Anteil Inhalten jenseits des eigenen Faches. Sicher – die Reform hat dazu geführt, dass internationale Mobilität von Studierenden in ganz Europa vereinfacht wird. Ob sie jedoch ein Garant für klügere Köpfe ist, zeigt sich erst in der Zukunft, wenn die die Bologna-Absolventen in Schlüsselpositionen aufsteigen.

Zudem bieten Universitäten immer mehr Studiengänge an: im Wintersemester 2018/2019 waren es fast 20.000 Studiengänge – ein neuer Rekord. Die Angebote werden zum Teil immer kleinteiliger und fokussierter. Diese Entwicklung ist auch in der Berufswelt zu beobachten: Jobtitel werden immer feingliedriger und unverständlicher – sie sollen jedoch die Expertise des Personals in den Vordergrund stellen. So kann schnell ein „Manager“, „Head of“ oder „Officer“ auf der Visitenkarte auftauchen – oder auch der Chief Evangelist (Leitung der Innovationsabteilung).

Eine irreführende Regel aus den 90-ern

Dass Spezialisierungen im Beruf so wichtig geworden sind, hat zum einen praktische Gründe: in neuen Berufsfeldern mit mehr Komplexität ist ein vertieftes und breites Wissen zweifelsohne notwendig. Dies kann Innovation beflügeln. Zum anderen gibt es jedoch einen Trend aus der Arbeitspsychologie, der Anfang der 1990-er von US-Wissenschaftler Anders Ericsson und seinen deutschen Kollegen Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer entwickelt wurde: die 10.000 Stunden Regel.

Dieser Regel zufolge nach kann man jede Fähigkeit meistern, wenn man 10.000 Stunden investiert – und nicht nur das, man wird dabei zum Überflieger und zieht auf der Karriereleiter an seinen Konkurrenten vorbei. Der Bestseller-Autor Malcolm Gladwell vergoldete diese Maxime in seinem Buch „Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht“ und verhalf ihr zu noch mehr Popularität.

Die Sicht, dass Spezialisierung, ein trennscharfes Profil und Inselwissen zum Erfolg führen wird zunehmend kritisiert. Es ist fraglich ob 10.000 Stunden – also jede Minute von 416 Tagen – tatsächlich als Richtlinie nützlich sind. Aus der Neurowissenschaft gibt es Hinweise, dass Qualität und Abwechslung die Lernfortschritte viel stärker verbessern.

Auch ohne Spezialisierung zu einer guten Karriere

Der Sicht, dass nicht die Nischen-Spezialisten, sondern die Generalisten eine erfolgreiche Karriere hinlegen können, widmete sich Autor David Epstein in seinem Buch „Range: How Generalists Triumph in a Specialized World“. Mit einer Vielzahl von Anekdoten aus Geschichte und Gegenwart illustriert er, was mit Menschen passiert, die sich nicht auf eine spezielle Sache fokussieren: in der Regel finden sie ihren Karriereweg tatsächlich später, allerdings wird das zu ihrem Vorteil. Sie beschäftigen sich nämlich mit Themen und Tätigkeiten, die viel besser zu ihren Fähigkeiten und Interessen passen. Daraus entwickeln sie eine Kraft – oft, wenn die einstigen frühen Spezialisten feststellen, dass sie sich für etwas entschieden haben, das gar nicht zu ihnen passt.

Epstein tröstet mit seinem Buch alle, die nicht früh ihre Karriereziele erreicht haben und erklärt, wie eine Breite von unterschiedlichen Tätigkeiten dazu führen kann, dass Menschen nützlichere Verknüpfungen im Hirn formen und so kreativer und innovativer agieren. Sie sind häufig diejenigen, die in langen Linien denken, als in Etappensiegen. Gleichzeitig sind sie flexibler und haben soziale Qualitäten wie Geduld gelernt. Möglicherweise wird diese alternative Sicht aus pragmatischen Gründen wieder dominanter werden.

Berufsbilder ändern sich

In wirtschaftlichen Transformationsphasen ändern sich nämlich Aufgaben von Berufen. Die Digitalisierung zwingt Unternehmen und Angestellte dazu, offen für bessere Lösungen als die bisherigen zu sein. Auch wenn Jobs erhalten bleiben, ändert sich das Aufgabenspektrum. Wer dabei nur Nischendenken besitzt und keine kreativen Verknüpfungen schaffen kann, tritt eher auf der Stelle. Das Wissen, das man durch breite Erfahrung jenseits eines schmalen Fachgebiets gesammelt hat, kann dabei helfen.

Auch Arbeitgeber suchen jenseits von expliziten technischen Fähigkeiten zunehmend nach Skills, die für den Arbeitsalltag wesentlich sind – Kreativität, Teambereitschaft, Agilität. Die Flexibilität von Generalisten kann dabei ein Erfolgsfaktor sein. Vor allem mit Blick auf das Digitalisierungspotenzial von Routinetätigkeiten wird die Flexibilität an Bedeutung gewinnen

Transformation begünstigt sowohl Spezialisten als auch Generalisten

Es gibt genug Hinweise dafür, dass sowohl Spezialisierung als auch breites Wissen zu Erfolg führen können. In reifen und etablierten Wirtschaftszweigen und Unternehmen bedarf es manchmal der Fachexperten, die ihre Aufgaben gut und sauber erledigen. Sie glänzen durch vertieftes Wissen und punktgenaue Erfahrung.

Allerdings sind nicht alle Tätigkeiten eingrenzbar – in Transformationsprozessen müssen schlecht planbare Wege beschritten und neue Lösungen gesucht werden. Es lohnt sich mit Menschen zusammenzuarbeiten, die flexibel sind und aus einem breiten Fundus an Erfahrungen schöpfen können. Oft sind es nämlich Generalisten, die sich nicht in den Details verlieren, sondern das große Ganze im Blick behalten.

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