Die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin hat anlässlich des 120. Jubiläums der sozialdemokratischen Partei des Landes die Arbeitszeitverkürzung auf eine Vier-Tages-Woche mit sechs Stunden Arbeitszeit pro Tag ins Spiel gebracht. Der Vorschlag ist nicht neu – beinhaltet aber wichtige Impulse für die Politik.

Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin; Foto: Laura Kotila/Valtioneuvoston kanslia, Creative Commons 4.0

Produktivitätssteigerungen gegen Kostenkalkulation

Arbeitszeitverkürzungen waren im 20. Jahrhundert eine Errungenschaft für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Während noch in der Nachkriegszeit eine Sechs-Tage-Woche mit 48 Wochenstunden in vielen Branchen noch Normalität war, errungen Gewerkschaften Arbeitszeitverkürzungen zum Wohle der Angestellten und Arbeiter. Gleichzeitig sollte dies kein Produktionshindernis werden – im Gegenteil. Deutschland avancierte durch den technischen Fortschritt zu einer führenden Wirtschaftsmacht.

Doch nicht nur die Automatisierung, sondern auch die Steigerung der Qualität der Arbeit wurde festgestellt: Arbeitnehmer, die einen zusätzlichen Tag zur Erholung hatten, machten schlicht weniger Fehler und waren produktiver. Auch aktuelle Beispiele zeigen, dass eine Arbeitszeitverkürzung funktionieren kann: im japanischen Standort des Tech-Giganten Microsoft wurde in einer Testphase eine positive Bilanz der Vier-Tage-Woche attestiert: die Produktionsgewinne stiegen um bis zu 40 Prozent.

Gleichzeitig gibt es jedoch auch kritische Stimmen: die Kostenkalkulation des Arbeitsausfalls bei gleichbleibendem Lohn ist für konservative Ökonomen problematisch. Auch in Branchen, in denen Tätigkeiten nicht innerhalb einiger Stunden schlicht abgeschlossen sind – wie im sozialen Bereich und der Medizin – wären möglicherweise vor einer großen finanziellen Herausforderung gestellt, wenn sie zusätzliches Personal anstellen müssten, um den Bedarf zu decken.

Es geht auch um die Demografie

Hinter dem Vorschlag der Vier-Tage-Woche steht allerdingt nicht nur ein progressiver Impuls für bessere Arbeitsbedingungen und moderne Work-Life-Balance. Dahinter kann auch der demografische Druck stehen, den die meisten europäischen Staaten erleben. Bereits jetzt sind Fachkräftemangel und die Sozialkosten in alternden Gesellschaften ein Problem. Diese Schieflage verschärft sich bei niedrigen Geburtenraten.

Wenn Hinter einer Vier-Tage-Woche das Ziel – wie von Marin erwähnt – stehen soll, mehr Zeit für die Familie zu haben, dann ist dies auch ein Schritt dahingehend, Familien attraktiver zu machen. Leistungsdenken und Gehaltsdruck in vielen Branchen machten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu einer Herausforderung – mangelnde Zeit und finanzielle Sicherheit sind für junge Menschen oft die Hauptgründe sich gegen eine Familiengründung.

Leistung: Eine ehrliche Bestandsaufnahme

Der Vorschlag der Vier-Tage-Woche polarisiert aber auch, weil er die bisher gängige Kultur des Leistungsdenkens hinterfragt – damit einhergehend auch die Gehaltslogik. Da Arbeitsleistung ein Tausch von Diensten gegen Gehalt ist, stellt sich die Frage, ob und wie Gehälter gerechtfertigt werden können, die zwar wertschöpfend, aber nicht mehr so zeitintensiv sind. Muss Arbeit künstlich geschaffen werden, um die Norm von Beschäftigung zu erfüllen?

Ein Kritikpunkt ist auch immer, dass sich Arbeit und Leistung lohnen müssen – Wettbewerb als Treiber von Innovation und Fortschritt wird bisher mit einer hohen Investition von Zeit bewertet. Die Befürchtung, dass Menschen Motivation und Fokus verlieren, wenn sie zu viel Freizeit haben, ist teilweise berechtigt. Leistung ist nämlich ein Produkt von kulturellen Werten. Das World Economic Forum (WEF) untersuchte, dass kulturelle Normen zum Verhältnis von Freizeit und Arbeit maßgeblich darüber bestimmen, ob Einwanderer sich erfolgreich in den Arbeitsmarkt integrieren.

Andererseits zeigt die Forschung allerdings auch, dass kognitive Freiheit, Ruheräume und Muße wesentlich für Kreativität und Innovation sind. Cal Newport widmete dem Effekt der punktuellen tiefgreifenden Arbeit im Wechsel von erholsamen Momenten ein ganzes Buch. Auf diese Fragen kann allerdings nicht die Politik allein antworten. Unternehmen als primäre Gestalter der Wirtschaft und Arbeitskultur müssen selbst hinterfragen, welche Normen im Jahr 2020 noch Bestand haben – und welche Antworten sie für moderne Arbeit finden wollen.

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