Homeoffice bedeutet für jeden Dritten mehr Stress – besonders für die Jungen

Homeoffice bringt für viele Menschen Vorteile: weniger Pendel-Zeit, leichtere Vereinbarung von Beruf und Privatleben, mehr Flexibilität. Insbesondere für junge Arbeitnehmer bedeutet remote Arbeit allerdings auch Stress, wie eine neue Studie zeigt.

Auf gewisse Art, ist es ein Experiment, der besonderen Sorte, das für Wirtschaft und Politik wichtige Insights liefert: ein Viertel der Deutschen arbeitet aktuell im Homeoffice und was diese Art des Arbeitens mit den Menschen macht, wird langsam deutlich. LinkedIn hat eine Studie unter 2.000 Arbeitnehmern zur mentalen Gesundheit im Homeoffice durchgeführt und es gibt Licht wie Schatten. 

Mehr Überstunden, mehr digitale Präsenzzeit 

Für jeden Dritten ist Homeoffice mit mehr Stress, Angst und Reizbarkeit verbunden. Insbesondere Angestellte in Senior-Management-Positionen, ungelernte Arbeitnehmer, Führungskräfte und junge Arbeitnehmer zwischen 25 und 34 Jahren sind überdurchschnittlich gestresst. Zudem gibt ein Drittel an, sich im Homeoffice schlechter konzentrieren zu können und weniger produktiv zu arbeiten. 80 Prozent der Deutschen im Homeoffice machen im Homeoffice Überstunden – bei einem Drittel sind es täglich sogar mehr als vier Überstunden. In der jungen Kohorte geben überdurchschnittlich viele Menschen an, mehr zu arbeiten – ganze 87 Prozent berichten über zusätzliche Leistungen. Sorgen über die Ungewissheit des Jobs und ihre Leistung veranlassen sie häufiger dazu ihre Effizienz unter Beweis stellen zu wollen. Bei Arbeitnehmern ab 55 Jahren wird die Gelassenheit merklich größer. Dies ist verständlich – ältere Arbeitnehmer sitzen in der Regel „fest im Sattel“, haben mit höherer Wahrscheinlichkeit unbefristete Verträge, Ersparnisse und die Familienplanung ist in der Regel bereits abgeschlossen. 

Ein besonderer Stressfaktor ist die der Druck zur „digitalen Präsenzzeit“ und ständigen Verfügbarkeit gegenüber dem Arbeitgeber. Zudem machen sich viele Menschen Sorgen um Arbeitslosigkeit – man darf nicht vergessen, dass dieses Homeoffice-Experiment in eine massive Rezession eingebettet ist, in der Menschen tatsächlich arbeitslos werden. Überbelastung und Sorgen können langfristig die mentale Gesundheit belasten, jedoch dürfte das mehr mit der Unternehmenskultur als mit Homeoffice zusammenhängen. AOK-Daten zeigen, dass sich die Anzahl der Burnout-Fälle zwischen 2005 und 2018 fast versechsfacht hat. 

Die Sonnenseite: die Hälfte der Deutschen fühlt sich zu Haus wohl

Neben den Schattenseiten gibt es natürlich klare Vorteile im Homeoffice zu arbeiten. Rund die Hälfte fühlt sich zu Haus wohl. Viele darunter treiben mehr Sport, ernährt sich gesünder und findet mehr Zeit für die Familie. In diesen Fällen erfüllt sich das verheißungsvolle Versprechen der Homeoffice-Unterstützer, dass dieses Arbeitsmodell eine bessere Work-Life-Balance ermöglicht. 

30 Prozent geben an, zu Haus produktiver zu arbeiten – allerdings steht ihnen auch ein Drittel von weniger produktiven Arbeitnehmern entgegen. Es hängt stark vom Arbeitgeber ab, ob gute Arbeitsbedingungen umgesetzt werden können. Neben der Arbeitnehmeruntersuchung wurden auch Personaler und HR-Experten befragt – 42 Prozent gaben an, dass sie Entspannungsangebote wie Yoga oder Meditationsübungen anbieten. Fast zwei Drittel der Personaler sehen sich gut gewappnet, um mentale Belastungen der Arbeitnehmer gut abzufangen. Allerdings bedeutet dies auch im Umkehrschluss, dass ein Drittel dies nicht kann. 

Es geht um mehr als nur Homeoffice

Aus persönlicher Erfahrung kenne ich das Stresslevel der jungen Kohorte in Bezug auf Leistungs- und Effizienzdrang. Ich falle schließlich selbst in diese Altersstufe und rede mit vielen Menschen darüber, wie es ihnen gerade ergeht. Ich habe überraschend oft Aussagen darüber gehört, dass die Corona-Krise sich befreiend anfühle, weil es endlich eine Rechtfertigung dafür gäbe, wenn man nicht „perfekt“, effizient und verfügbar sei. Der Druck ist bei vielen jungen Arbeitnehmern groß. Das Mantra „höher, schneller, weiter“ haben viele verinnerlicht – nicht aus Überzeugung, sondern aus Alternativlosigkeit. In manchen Branchen erreicht man realistisch wenig, wenn man sich dem harten Wettbewerb nicht stellt. 

Dass junge Arbeitnehmer einen höheren Stresspegel aufweisen und zu einem Fünftel versuchen sich durch Anrufe oder digitale Meetings sichtbar zu machen, verdeutlicht eine Kultur, die in Unternehmen herrscht. Homeoffice kann deswegen keine perfekte Lösung für alle sein, um mehr Freiheit zu erlangen – sie ist nämlich lediglich die Verlängerung der analogen Arbeitswelt. Die Herausforderungen der Arbeitswelt, die mentale Belastung und der Stress werden im Homeoffice wohlmöglich lediglich sichtbarer und zeigen, wie es in manchen Unternehmen zugeht. Dies ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Erkenntnisse. 

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