Keine Pendelzeit, keine lauten Großraumbüros, kein starres Abarbeiten – es gibt viele Gründe, die für Homeoffice sprechen würden. Dennoch schrecken sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer davor zurück. Dabei ist die technische Umsetzung häufig nicht das Problem – die Unternehmenskultur ist ein großes Hindernis.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf entspricht nicht dem Ideal

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat einen genauen Blick auf Homeoffice gerichtet. Klar ist, dass gerade für Arbeitnehmer mit Familien gerne Homeoffice in Anspruch nehmen würden – das heißt zwar nicht, dass die gesamte Arbeitszeit sich jenseits des Büros verlagern würde, jedoch entsprechen Arbeitnehmer, die nicht für ihren Job brennen, nicht unbedingt der Wunschvorstellung von Unternehmen.

Diese kulturellen Hürden sorgen dafür, dass Homeoffice seltener realisiert wird, als es eigentlich möglich wäre. Zwar geben laut WSI-Untersuchung 60 Prozent der Arbeitnehmer an, dass ihre Tätigkeiten nicht von zu Haus umgesetzt werden könnten, allerdings ist ein Grund gegen Homeoffice bedeutender: Chefs ist die Präsenz am Arbeitsplatz wichtig. Die technische Umsetzung sei in 55 bis 59 Prozent der Fälle das tatsächliche Problem.

Frauen schrecken vor kulturellen Hürden eher zurück

Auf dem Arbeitsmarkt sind mehr Frauen in Positionen beschäftigt, die von zu Haus zu erledigen wären – klassische Bürojobs benötigen oft nur eine sichere Cloud und verschlüsselte Kommunikationsmöglichkeiten. Der Anteil von Männern im Handwerk ist hingegen höher. Trotzdem fordern Männer häufiger Homeoffice ein, denn Frauen befürchten Sanktionen am Arbeitsplatz. Da Mütter tendenziell eher in Krankheitsfällen von Kindern zu Haus bleiben und von Kitas oder Schulen kontaktiert werden, lastet auf ihnen ein größerer Druck auf dem beruflichen Abstellgleis zu landen.

Homeoffice bleibt für viele dabei lediglich eine Idee, die jedoch keine Umsetzung findet. Das WSI fordert daher ein gesetzliches Recht auf Homeoffice, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärker zu forcieren. Ob das jedoch zum Erfolg führen würde, darf bezweifelt werden – eine Kultur ändert sich nämlich erst mit dem Wechsel des Führungspersonals und durch den Faktor Zeit.

Recht auf Homeoffice wäre ein zweischneidiges Schwert

Neben der ökonomischen Bedenken in Branchen und Unternehmen, dass die Produktionskraft durch Homeoffice abnehmen würde, lassen sich Vorbehalte gegen Homeoffice durch eine rechtliche Regelung nur schwer abschwächen. Es gibt berechtigte Zweifel daran, ob Teamgeist, Unternehmensloyalität und Kooperation nicht tatsächlich durch Homeoffice abgeschwächt werden. Doch auch dem vom WSI identifizierten Problem der kulturellen Hürden würde ein Recht auf Homeoffice nicht gerecht werden.

Wenn Führungspersönlichkeiten nämlich tatsächlich Vereinbarkeit von Familie und Beruf als ausschließlich private Angelegenheit bewerten und daher eine kompetitive Unternehmenskultur fördern, werden Arbeitnehmer die unterschwelligen sozialen Sanktionen von Vorgesetzten auch nicht durch einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice umgehen.

Was notwendig ist, ist ein realistischer und ehrlicher Blick auf Leistung und Arbeit. Häufig ist die Sehnsucht nach Kontrolle gegenüber der Arbeitszeit stark – schließlich wird Geld gegen Leistung getauscht. Bei einer genauen Bestandsaufnahme wird jedoch deutlich, dass nicht jede Aufgabe an einem jeden einzelnen Tag einen Mehrwert bringt, wenn sie im Unternehmen geleistet wird. Es gibt gute Gründe dafür, Arbeitnehmern Rückzugsmöglichkeiten zu bieten, um ihre Kreativität und Unternehmensbindung zu fördern.

Gleichzeitig ist es wichtig zu erkennen, dass die Zukunft der Arbeit nicht ausschließlich in einem losen Gebilde von Arbeitnehmern gestaltet werden kann, die kein Vertrauen und Kooperationsfähigkeit zueinander aufbauen. Homeoffice ist nicht die Lösung aller Probleme der Arbeitswelt und tatsächlich nicht von allen wünschenswert – gerade im Zuge der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wünschen sich Arbeitnehmern oft explizit nicht, die Arbeit nach Haus zu nehmen.  

Es ist wichtig, mit einer neuen Ehrlichkeit über Leistung, Vergütung und Unternehmenswerte zu sprechen. Im Zuge des Fachkräftemangels wird sich die Debatte voraussichtlich verschärfen, wenn die Nachkriegsgeneration in Rente geht. Denn viele junge Arbeitnehmer sehen in Homeoffice keine Ausrede für weniger Leistung, sondern eine Chance für Effizienzsteigerung – ein möglicher Gewinn für Arbeitgeber.

 

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