Streich gegen die Gewerkschaften: Als Reagan über 11.000 Fluglotsen feuerte

Diese Entscheidung 1981 gilt als einschneidend für die Rechte von Arbeitnehmern und die Rolle der Gewerkschaften in den USA: Präsident Ronald Reagan entließ 11.000 streikende Fluglotsen. Die Signalwirkung hallt bis heute nach. Von Alice Greschkow

Eine Vier-Tage-Woche, Arbeitszeitbegrenzung auf acht Stunden am Tag sowie einen höheren Lohn – diese Forderungen wollte die amerikanische Fluglotsengewerkschaft PATCO im Sommer 1981 durchsetzen. Anfang August ließen 13.000 Fluglotsen die Arbeit ruhen. Sie sahen sich in einer starken Position, denn Tausende Flüge mussten in der Hauptreisesaison wegen ihnen gestrichen werden. Die Sicherheit im Luftraum hängt nämlich maßgeblich von Fluglotsen ab.

Reagan will Unternehmen stärken – auch auf Kosten der Arbeitnehmer

Foto: Michael Evans

Der republikanische Präsident Ronald Reagan hatte erst wenige Monate zuvor seine erste Amtszeit angetreten. Nachdem er die Wahlmänner in 44 Bundesstaaten gewann, startete er seine Präsidentschaft mit großer Rückendeckung. Für Reagan war klar: Unternehmen müssen gestärkt werden, um die Wirtschaft anzukurbeln und wettbewerbsfähig zu bleiben. Nachdem die 1970-er von „Stagflation“ – also wirtschaftlicher Stagnation bei gleichzeitiger Inflation – gekennzeichnet war, war seine Wirtschaftsfreundlichkeit die richtige Lösung.

 In diesen Zeitgeist fiel der PATCO-Streik. Die Gewerkschaften hatten in der Nachkriegszeit dafür gesorgt, dass die Gehälter entsprechend der Produktionsrate steigen, doch angesichts der erlahmenden Volkswirtschaft verloren sie stetig an Unterstützung. Als am 3. August 13.000 Fluglotsen die Arbeit nach festgefahrenen Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite niederlegten, warnte Reagan sie: sie sollen zur Arbeit zurückkehren, denn ihr Streik bedrohe die öffentliche Sicherheit und sei illegal. Tatsächlich brachen die Gewerkschaftler das Gesetz, denn: Angestellten bei Bundesbehörden ist das Streiken untersagt. Reagan drohte mit Entlassung.

Am Folgetag kehrten 1.300 Fluglotsen an ihren Arbeitsplatz zurück. Der Rest streikte weiterhin. Am 5. August schuf Reagan Tatsachen und entließ die streikenden Gewerkschaftler. Doch nicht nur das: er verbannte sie von jeglichen Tätigkeiten bei Bundesbehörden. Diese Entscheidung gilt als Zäsur für Gewerkschaften und Unternehmen – auch, weil die öffentliche Empörung über die Massenkündigung verhalten ausfiel.

Signalwirkung für die Wirtschaft

Der Konflikt zwischen Reagan und PATCO trat einen Kulturwandel los: immer mehr Unternehmen verzichteten darauf die Drohungen von Gewerkschaften ernst zu nehmen und begannen streikende Arbeitnehmer zu entlassen. Binnen kürzester Zeit sank die Zahl von jährlich 300 Streiks im ganzen Land auf unter 30. Für Unternehmen war der neue Kodex von Vorteil: sie konnten Kosten sparen und Arbeitnehmer leichter austauschen. Infolgedessen sank die Gewerkschaftsbindung.

Quelle: Economic Policy Institute

Die 1980-er kennzeichnen den Beginn der wachsenden Lücke zwischen Produktivität und Gehältern. Dieser Trend hält bis heute an. 2006 erklärte der Autor Louis Uchitelle in seinem Buch „The Disposable American“, dass der Trend zu lockerem Kündigungsschutz und Massenentlassungen dafür gesorgt hat, dass Mittelschichtsjobs verschwinden und Arbeitnehmer dem ständigen Druck auf dem Markt ausgesetzt sind jederzeit kurzfristig entlassen werden zu können. Auch Reagan hat dazu beigetragen. Für die entlassenen Fluglotsen sank der Lebensstandard merklich: ein großer Teil rutschte in die Arbeitslosigkeit – viele von ihnen waren Veteranen des Militärs ohne weitere Ausbildung oder Abschluss und konnte eine Anstellung außerhalb der Bundesbehörden nicht mehr finden. Dies hat auch das Verhältnis zu Gewerkschaften nachhaltig verändert – für viele sind sie nichts mehr als zahnlose Tiger.

Ein zweifelhaftes Erbe

Ronald Reagan hatte jede gesetzliche Legitimation die streikenden Fluglotsen zu entlassen – der Streik war illegal. Er signalisierte damit jedoch, dass der Staat Arbeitgeber und nicht Arbeitnehmer schützen will – und dass es in Ordnung ist, streikende Gewerkschaftler zu entlassen. Dies versetzte der arbeitenden Mittelschicht einen zusätzlichen Dämpfer – Globalisierung und technischer Fortschritt sorgten bereits für steigende Jobunsicherheit.

So populär Reagan auch war, so sehr setzte er den Impuls dafür, dass Misstrauen gegenüber Politik und Unternehmen – der „Elite“ – langfristig steigen würden und der Wert einer Arbeitskraft sinkt.

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