Von Alice Greschkow

Mit dem Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) erschien in dieser Woche der zweite Bericht in kurzer Zeit, der die wachsende Ungleichheit in Deutschland attestiert. Zuvor hatte das Deutsche Institut für Wirtschaft analysiert, wie die Vermögensungleichheit zunimmt. Diese Tendenzen haben eine bedrohliche Sprengkraft.

Einkommen driften auseinander

Das WSI fokussierte sich auf die Verteilung der verfügbaren Haushaltseinkommen. Für die Zeit seit 2005 gab es zwei auseinandergehende Meinungen: einerseits gibt es Ökonomen, die darauf hinweisen, dass die Einkommensentwicklung positiv sei, weil die ärmsten zehn Prozent anteilig stärker an Einkommen zugelegt hätten. Andererseits gibt es die Gegenthese, die davon ausgeht, dass die Einkommensentwicklung negativ sei, da die unteren zehn Prozent an Realeinkommen einbüßen mussten, wohingegen die oberen zehn Prozent über mehr Mittel tatsächlich verfügten.

Die Untersuchung des WSI stützt letztere Perspektive, dass die soziale Schere sich weiter spreizt – 2016 sollen 16,7 Prozent der Menschen in Deutschland unter der Armutsquote gelebt haben. Dies liegt bei einem Einkommen, 60 Prozent oder weniger des Durchschnittseinkommens in der Bundesrepublik ausmacht. Dementsprechend ist auch die Armutslücke – also der Betrag, der fehlt, um über die Armutsgrenze zu kommen – gewachsen.

Das DIW hingegen belegte, dass 56 Prozent des Vermögens in Deutschland sich auf die reisten 10 Prozent konzentrieren. Die untere Hälfte der Bevölkerung hat lediglich ein Vermögen von 1,3 Prozent. Zwar konnten alle Vermögenden in Deutschland zwischen 2012 und 2017 ihr Kapital ausbauen, jedoch haben immerhin 15 Prozent der Bevölkerung überhaupt kein Vermögen. Immobilien hingegen sind weiterhin der sicherste Indikator für die Vermögensbildung.

Mindestlohn anheben, Niedriglohnsektor abbauen

Ein großes Problem dieser Entwicklungen ist, dass die Rolle von Arbeit hinterfragt werden kann. Wenn das Vermögen unter den oberen 10 Prozent akkumuliert wird, während es scheinbar für einen großen Teil der Bevölkerung wenige Chancen gibt selbst Kapital anzuhäufen, schränkt das die soziale Mobilität massiv ein. Selbstverständlich merken dies die Bürger. Es sorgt für Skepsis, wenn selbst die stabile Arbeitsstruktur, geringe Arbeitslosigkeit und gute Ausbildungsplätze nicht mehr reichen, um wirtschaftliche Sprünge zu machen.

Das WSI empfiehlt als Gegenmaßnahmen unter anderem das Anheben des Mindestlohns auf 12 Euro, den Abbau des Niedriglohnsektors durch stärkere Tarifbindung sowie die höhere Besteuerung von Spitzenverdienern. Das DIW fordert eine stärkere staatliche Unterstützung bei der Vermögensbildung, die den Immobilienkauf und die private Altersvorsorge fördern soll. Eine Vermögenssteuer gewährleistet hingegen nicht, dass die die mittleren und unteren Schichten tatsächlich profitieren würden.

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