Warum die Arbeitswelt wegen Corona nicht zum digitalen Paradies wird

Auf einmal geht Homeoffice, wo es vielerorts lange nicht der Fall war. Optimisten gehen davon aus, dass dies der notwendige Schritt war, damit die Digitalisierung der Arbeitswelt voranschreitet – doch es wird Widerstände geben. Ein Kommentar von Alice Greschkow

  • Donnerstag, 26. März 2020

Es gibt momentan viele optimistische Prognosen über die Folgen des Coronavirus auf die Art wie wir arbeiten: „Corona treibt die Digitalisierung voran“ oder „Homeoffice wird normalisiert“ lese ich gegenwärtig oft. Es werden Tipps für die richtigen Tools und die effizientesten Hacks geteilt – und diese sind bereits ein Indiz dafür, weshalb es nicht in Stein gemeißelt ist, dass dieser Homeoffice-Prozess auch einen positiven Abschluss nehmen wird. 

Kein richtiges Change Management 

Das Problem: Homeoffice musste vielerorts schnell als Notlösung eingeführt werden – ohne, dass es die richtige digitale Infrastruktur, Datenschutzinformationen, Handlungsanweisungen oder sogar Equipment gibt. Viele Menschen machen gerade in einer Ausnahmesituation ihre ersten Erfahrungen mit Homeoffice und der Integration der Arbeitswelt in die privaten Räume. Auf einmal nimmt der Beruf zu Haus sehr viel mehr Aufmerksamkeit ein – zuvor hat man vielleicht lediglich E-Mails auf dem Smartphone erhalten. 

Der psychologische Faktor darf hier nicht unterschätzt werden. Jede Führungskraft oder Projektmanagerin weiß, dass es das Wichtigste bei Change Management Prozessen ist, die Mitarbeiter mitzunehmen. Dazu gehört im Vorfeld eine lange Vorbereitung, Information, Feedback und Meinung einholen, die Lösungen entsprechend anpassen – sonst entstehen bei den Mitarbeitern Widerstände und Maßnahmen werden abgelehnt.  

Das räumlich flexible Arbeiten aufgrund einer Pandemie einzuführen, raubt all diese Schritte. Die Erfahrung wird aufgedrückt und sie wird aus einem stressigen Moment geboren. Nicht nur die allgemeine Sorge um den eigenen Arbeitsplatz drückt auf die Stimmung vieler Menschen. Manche Familien finden sich gerade in einer verwirrenden Situation wieder, in der sie Kinderbetreuung und Homeoffice auf einmal jonglieren müssen. Zusätzlich drückt die bekannte ständige Erreichbarkeit auf die Psyche – eine EY-Studie hatte 2019 bereits bekräftigt, dass die Digitalisierung deswegen auch dazu führt, dass der seelische Stress steigt. 44 Prozent gaben an, dass in den vergangenen fünf Jahren die Arbeitsbelastung durch die Digitalisierung gestiegen sei. Zum Vergleich: lediglich 13 Prozent sagen, die Belastung sei gesunken, 43 beobachten beide Trends gleichermaßen.  

Mehr Arbeitsbelastung durch Digitalisierung
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Wegen all dieser Stressfaktoren wäre es nicht verwunderlich, wenn Mitarbeiter die Erfahrung zu Haus zu arbeiten mental als negativ abspeichern und sich dagegen wehren die flexiblen Möglichkeiten der Digitalisierung anzunehmen. Ich kenne Fälle aus öffentlichen Einrichtungen, in denen das klassische Büro gegenwärtig als sehr attraktiv, geordnet und produktiv im Vergleich zum Homeoffice empfinden wird. Zweifelsohne sind die Berührungsängste vielerorts stark abgebaut – doch nicht jede Berührung ist angenehm.

Es geht nicht nur im Homeoffice

Was gegenwärtig noch zu wenig erwähnt wird, ist, dass die Rezession, in die die Welt wegen der Corona-Pandemie rutscht, Automatisierungs- und Substitutionsprozesse beschleunigen könnte. Globale Konzerne werden ein starkes Interesse daran haben, Effizienzmaßnahmen zu ergreifen, um die einbrechenden Umsätze auszugleichen. Es ist nicht sicher, doch realistisch, dass dabei in mehr Automatisierung investiert wird, um die Personalkosten zu drücken. 

Diese Krise hat das Potenzial die Trends der Digitalisierung in Bezug auf die Arbeitswelt massiv zu beschleunigen: während einerseits vom Substitutionspotenzial durch die digitale Technologien gesprochen wird, gibt es eine wissenschaftliche Prognose, die langfristig skizziert, dass sich insgesamt sieben Millionen Arbeitsplätze sich durch die Digitalisierung verändern werden – drei Millionen Stellen entstehen, vier Millionen werden abgebaut. Insbesondere im produzierenden Gewerbe sollten nach Szenario bis 2030 hunderttausende Stellen wegfallen – die Krise kann ein Beschleuniger dafür sein. 

Insofern ist es nicht gewährleistet, dass wir alle in einer Arbeitswelt aufwachen, bei der die Digitalisierung positiv aufgenommen und auf eine Weise implementiert wird, von der Arbeitnehmer auch tatsächlich profitieren. Die Politik hat ein unglaubliches Finanzvolumen zur Abschwächung der Rezession genommen, damit Arbeitnehmer und Unternehmen sicherer sind. Die Gestaltung der Digitalisierung entscheidet sich dieser Tage jedoch in den Unternehmen und der Frage wie Führungskräfte erklären, mitnehmen, führen und verändern.   

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