Von Alice Greschkow

Neue Geschäftsmodelle, digitale Technologien und weltweite Konkurrenz erhöhen den Druck für Unternehmen und Arbeitnehmer bei der Beantwortung der Frage, welche Strategie zukunftsfähig ist. Es scheint als würden die Ansprüche für Arbeitnehmer zunehmend steigen – die Kritik an der „Überakademisierung“ ist nur ein Symptom für die Unzufriedenheit dafür, dass vermeintlich immer stärker auf Zertifikate, Abschlüsse und Noten geachtet wird. Doch was wollen deutsche Unternehmen wirklich? Die Trends sind klar.

Tendenz zu „Soft Skills“

Die einschneidende Art wie Rezessionen verlaufen, gibt Anlass zur Reflexion – Arbeitsplätze werden abgebaut, die Nachfrage evaluiert, die Businessstrategie angepasst. Die drängende Frage dabei ist, wie ein Unternehmen oder gar eine Industrie zukunftsfähig bleiben kann. Auch für Arbeitnehmer stellt sich während einer Rezession die Frage, wie sie ihren Erwerb zukünftig bestreiten können, auch wenn die Deutschen bisweilen optimistisch über die Stabilität ihres Arbeitsplatzes sind. Dennoch verändert sich der Bedarf an Fähigkeiten und Fachkenntnisse.

Wer eine mittelfristige Zukunftsperspektive skizzieren möchte, kommt nicht um Machine Learning und Künstliche Intelligenz umher – diese Technologien werden praktisch jede Branche verändern, manche stark, andere weniger. Der negativen Perspektive, dass lediglich eine digitale Avantgarde wirtschaftlich stark sein wird, tritt eine zuversichtliche Idee entgegen – soziale Fähigkeiten werden in Zukunft wertvoller, denn diese können von Maschinen nicht synthetisch reproduziert werden.

Investor und IT-Spezialist Kai-Fu Lee sieht die Welt der Zukunft humaner, denn Technologien werden bis dahin viele monotone Jobs übernommen haben. Im Gesundheitswesen und der Bildung, aber auch in allen Bereichen, in denen es um menschenzentrierte Dienstleistungen geht, wird der menschliche Umgang wertvoller – Empathie, Verständnis und Unterstützung können nicht durch digitale Technologien ersetzt werden. Fraglich bleibt allerdings, inwiefern und auf welche Weise gerade diese Fähigkeiten entsprechend vergütet werden, wenn die bisherige Erklärung für niedrige Löhne in der vermeintlich niedrigen Qualifikation liegt.

Der Wirtschaftsbedarf für die nahe Zukunft unterstützt in Teilen die Prognose, dass „Soft Skills“ eine Rolle spielen – wenngleich auf eine andere Art. In einer Studie von McKinsey und dem Stifterverband wird eine klare Antwort darauf gegeben, nach welchen Fähigkeiten Arbeitgeber bis 2023 suchen. Zwischen 2018 und 2023 werden rund 700.000 Tech-Experten gesucht, die vor allem komplexe Datenverarbeitung für Zukunftstechnologien beherrschen. Diese Zahl mag groß erscheinen, ist jedoch verhältnismäßig klein zur 2,4 Millionen – so groß ist nämlich der Personalbedarf bis 2023 an Personen, die grundlegende digitale und zwischenmenschliche Fähigkeiten besitzen.

Spezialisierung ist kein Allheilmittel

Die Studie geht davon aus, dass 86 Prozent der Arbeitnehmer kollaborationsfähig sein müssen, in drei Vierteln der Fälle werden allerdings auch Durchhaltevermögen, digitale Kenntnisse sowie unternehmerisches Denken und Eigeninitiative gefordert. Auch ohne ein Tech-Virtuose zu sein, müssen Arbeitnehmer in Zukunft zumindest grundlegende digitale Fähigkeiten beherrschen – sowohl im Umgang mit Administrations- und Kommunikationstools als auch mit Daten.

Ein Startup-Geschäftsführer bringt es in der Untersuchung auf den Punkt:

„Reines Wissen wird immer weniger wichtig. Die Bedeutung von Skills, die den Einsatz von Wissen erst ermöglichen, nimmt hingegen stark zu.“

Der Journalist David Epstein kam zu einem ähnlichen Schluss: auch in einer zunehmend digitalen Welt, ist eine Bandbreite von Fähigkeiten wichtiger als bloße Spezialisierung. Strategisches Denken und die Fähigkeit emotionale Nuancen zu lesen und breites Wissen anzuwenden, werden immer bedeutender.

Die Autoren der McKinsey/Stifterverband-Studie weisen darauf hin, dass es bei den meisten Fähigkeiten nicht darum geht, punktuelle Fortbildungen anzubieten. Arbeitgeber sind dabei gefragt – wenn sie bestimmte Fähigkeiten im Unternehmen kultivieren, profitieren sie schlussendlich davon. Allerdings sind auch die Bildungsinstitutionen gefragt – Schulen und Universitäten sind in ihren Methoden und Inhalten jedoch noch oft an das klassische Fabrikmodell angelehnt, das jedoch in Zukunft an Relevanz verliert.

Notwendiger Kulturwandel

Um die geforderten Fähigkeiten allerdings tatsächlich gewinnbringend einzusetzen, müssen Unternehmen jedoch auch die Freiheiten für Kollaboration, Eigeninitiative und unternehmerisches Denken für ihre Arbeitnehmer bieten. Wenn bloßes Abarbeiten gerade in entscheidenden Positionen nicht mehr reicht, müssen die Zügel in der Führung lockergelassen werden. Eine passgenaue Organisation muss auch für Tech-Teams gefunden werden, damit diese lernen und Produkte entwickeln können.

Eine US-amerikanische Studie des Personalunternehmens Future Workplace hat ergeben, dass die größten zwei Hürden bei der Mitarbeiterakquise die schnelle technologische Veränderung einerseits und das Fehlen von jungen Talenten für verantwortungsvolle Positionen andererseits seien. Unternehmen stehen daher vor einer großen Herausforderung: der Pensionierung der Babyboom-Generation. Ein Drittel der Unternehmen geht laut Future Workplace davon aus, dass diese Pensionierungswelle einen merklichen Einfluss haben wird.

Die Anforderungen sich zu verändern, besteht also nicht nur auf der Arbeitnehmerseite – natürlich müssen diese moderen Fähigkeiten aufbauen. Gleichzeitig müssen jedoch auch Arbeitgeber umdenken und von steifen Strukturen absehen, wenn sie tatsächlich einen Nutzen aus den Talenten ihrer Mitarbeiter ziehen möchten – wenn technologische Gestaltung, Kollaboration und Eigeninitiative gefordert werden, so muss dafür der Raum bestehen. Zusätzlich müssen sich Arbeitgeber darauf einstellen, dass junge Arbeitskräfte in die Unternehmen strömen – Seniorität, Hierarchie und Verantwortung werden durch sie auf die Probe gestellt, wenn sich Führungskräfte in die Rente verabschieden.

Das „Skill Gap“ zu schließen, wird nicht leicht. Es erfordert viel mehr als nur das Zusammenbringen von Arbeitnehmern und Unternehmen. Es braucht Bereitschaft zum Wandel, Wissbegier und Technologieoptimismus. Ob bis 2023 alle Fachkräfte gefunden sein werden, ist fraglich – doch vielleicht wird die Rezession Anlass genug sein, die Zukunftsfähigkeit von Fähigkeiten zu reflektieren.

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